6. Thermenkreis Frau-Sein in Bad Gleichenberg 2010: Privileg, Chance oder Bürde?

Mit dieser bewusst provokant formulierten Frage hatte Harald Friedl am 28. Jänner zum 1. Thermenkreis im Neuen Jahr ins life medicine resort geladen. Doch nicht nur Thema und Ambiente waren diesmal der Köder, sondern wieder ein hochkompetenter Gast mit einem klingenden Namen: Das Einführungsreferat hielt die Philosophin Elisabeth List, Professorin an der Universität Graz und Mutter einer Tochter, die viele Jahre ihres regen Forscherlebens den verschiedenen Seiten des Frau-Seins in der Gesellschaft gewidmet hatte.

Der Köder schien zu wirken, denn 45 Damen und immerhin fünf wackere Herren waren dem Aufruf gefolgt, über das Selbstverständnis von Frauen heute gemeinsam nachzufragen, nachzudenken und zu bestimmen. Denn Bestimmung zum Selbst dürfte wohl ein Schlüsselbegriff bei dieser Frage sein, wer oder was eine Frau sei, sein wolle, aber auch sein könne.

Letzteres stand früher keinesfalls so offen zur Wahl wie heute, berichtete Elisabeth List in ihrem Streifzug durch die Geschichte der Frauenforschung. Deren Kernfrage, so List, war vor rund 40 Jahren, warum die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen so sind, wie sie sind, warum also Frauen von Männern dominiert und oft auch ausgebeutet würden. So hatte etwa die Französin Olympe de Gouges als erste Frauenrechtlerin der Neuzeit während der Französischen Revolution im Jahr 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ veröffentlicht… und wurde dafür zwei Jahre später enthauptet!

Zweihundert Jahre später, in den 1970er Jahren, der Hochphase der Frauenforschung, stand der Kampf um die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte der Frauen gegenüber den Männern immer noch im Vordergrund. Erst seit den 80er-Jahren wurde die Lage und Rolle der Frauen als Ausdruck ihrer wirtschaftlichen Zwänge begriffen: Selbstbestimmung sei demnach immer eine Frage der Erwerbschancen am Arbeitsmarkt, aber auch der Unabhängigkeit von familiären Pflichten. In den 90er-Jahren schließlich wurden die herrschenden gesellschaftlichen Werte hinterfragt und erkannt, dass die Gesellschaft von männlichen Werten wie Karriere, Konkurrenz, Prestige und Gewalt dominiert werde, während typisch „weibliche“ Werte wie soziale Nähe und Zuwendung damals noch belächelt wurden.

Dies hat sich spürbar geändert, in der Gesellschaft wie auch in der Wirtschaft, wo Themen wie respektvolle Betriebskultur, Mitarbeiterförderung und gesellschaftliche Unternehmensverantwortung längst zum Wertekanon fähiger ManagerInnen gehören. Das könnte auch daran liegen, dass Mädchen gelernt haben, sich „typisch männlicher“ Werte – und ihrer eigenen Ellenbogen – zu bedienen, um auf ihrem Weg vorwärts zu kommen, frei nach dem Bestseller von Ute Ehrhardt von 1994, „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin: Warum Bravsein uns nicht weiterbringt“. Denn mittlerweile sind Mädchen und Frauen auf allen Ausbildungsebenen weit erfolgreicher als Burschen und Männer und dringen immer weiter hoch in die Führungsetagen. Und das hat Folgen…

Gerade weil mittlerweile viele Forderungen von einst erfüllt sind, stellen sich heute alte Fragen im neuen Licht: etwa jene nach medizinisch-technischen Möglichkeiten, späte Mutterschaft nach einer beruflichen Karriere noch zu ermöglichen, aber auch danach, wie Partnerschaft, Mutterschaft und Beruf gleichzeitig zu verbinden seien. Denn das sei ein zentrales Anliegen der heute 20- bis 30-jährigen Frauen, so die Studie über deutsche Frauen von Jutta Allmendinger („Frauen auf dem Sprung: Wie junge Frauen heute leben wollen - Die BRIGITTE-Studie“): Junge Frauen seien heute gut ausgebildet, haben viel erreicht und haben noch viel größere Pläne. Die Realität, so Elisabeth List, siehe anders aus, denn in der Praxis tritt eine Frau mit der Mutterschaft wieder in die zweite Reihe hinter den Mann zurück, der weiterhin wirtschaftlich und gesellschaftlich aktiv bleibe. Deswegen forderte List mehr Frauen in Entscheidungspositionen, damit sich diese Verhältnisse ändern könnten.

Wie wird nun die Frauen-Wirklichkeit in Bad Gleichenberg wahrgenommen? Die Debatte pendelte sich sehr rasch um die Vereinbarkeit um Beruf und Mutterschaft ein, besonders um Fragen nach organisatorischen Lösungen. Für Heike Schmidt, PR-Chefin eines Weltkonzerns und selbst Mutter dreier Kinder sowie Elternvereinsobfrau der Volks- und Hauptschule in Bad Gleichenberg, sei das System der Kinderbetreuung keine Ideallösung. Entsprechend wurde auch das Angebot einer Krabbelstube in Bad Gleichenberg kaum angenommen, wie Bürgermeisterin Christine Siegel berichtete. Allerdings seien Karrierefrauen ohnedies keine guten Mütter, wie der Hobby-Philosoph Werner Baur entgegenhielt und mit seiner provokanten These unweigerlich Schwung in die bis zu diesem Zeitpunkt noch zögerliche Diskussion brachte…

Baurs These wies Elisabeth List als eines der „schlimmsten Vorurteile“ zurück, unterstützt von Andrea Freismuth, Vize-Direktorin der Landesberufsschule, die selbst im elterlichen Wirtshausbetrieb „vom Schankpersonal erzogen“ worden sei, und dies zu ihrem Vorteil. Worauf es in der mütterlichen Fürsorge ankomme, sei Qualität, nicht Quantität. Dies bestätigte Carina Paul Horn, Professorin an der Universität Klagenfurt auf Kur in Bad Gleichenberg, mit dem Hinweis auf die Bedeutung von unterstützenden sozialen Netzwerken, seien dies die Mütter oder Freundinnen betroffener Frauen. So berichtete Olah Latikaynen, Studentin der FH JOANNEUM und Mutter eines zweijährigen Sohnes vom verständnisvollen Beistand durch ihre Studiengangsleiterin, Dank dessen die junge Mutter Studium und Mutterschaft gut vereinbaren könne.

Augenmerk auf Fragen der Anerkennung von Frauen im öffentlichen Leben richtete Evelyn Hochleithner, bürgerliche Gemeinderätin und Frauenbeauftragte. Nach ihrer Erfahrung in Gremien müssten Frauen ihre Forderungen stets „lang und breit begründen“, während Vorschläge von Männern gleichsam als überzeugend vorweggenommen würden. Schon allein darum sei die Vernetzung von Frauen untereinander so wichtig. Vorbildlich sei etwa der Frauen-Serviceclub ZONTA mit seiner Veranstaltungsserie „Frauenleben – lebenswert“ zur Förderung von Frauennetzwerken in der Region Feldbach, wie die ZONTA-Mitglieder Gudrun Haas und Heike Schmidt berichteten. Für Kinderbetreuung sei gesorgt, denn es gehe ZONTA gerade darum, dass sich Frauen zeitweise auch von ihrer Mutterrolle distanzieren können, um sich und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln…

…was Bürgermeisterin Christine Siegel mit ihrem Appell auf den Punkt brachte: „Seien wir stolz darauf, Frauen zu sein. Seien wir glücklich mit unserem Beruf, indem wir zu dem stehen, was wir tun“. Eine Aufforderung, die nach einem herzlichen Applaus für die Referentin Elisabeth List noch lange, angeregte Diskussionen an der Bar des Kurhauses nach sich zog, nunmehr unter Beteiligung von Männern, die endlich wieder ungezwungen zu reden wagten…

Der 6. Thermenkreis war einmal mehr ein schöner Erfolg, eben weil er TeilnehmerInnen zusammenbrachte und anregte, wodurch Anknüpfungspunkte für ein weiterführendes Miteinander entstanden. Genau darum geht es den vier Veranstaltern, der FH JOANNEUM, dem Tourismusverband, dem Pfarrgemeinderat und dem life medicine resort.

Harald A. Friedl

 

Elisabeth List beim 6. Thermenkreis

Elisabeth List beim 6. Thermenkreis

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