Auslandspraktikum in Johannesburg
Julia Gerger, Studentin von "Logopädie" an der FH JOANNEUM Graz, absolvierte ein sechswöchiges Praktikum in Südafrika und berichtet davon in ihrem Praktikumsbericht.
„WAS? Du willst nach Johannesburg fahren? Das ist ja VIEL zu gefährlich!!! Ich habe gehört, dass man als WeißeR dort......“
Vor meinem Auslandspraktikum in Johannesburg (Südafrika), wurde ich andauernd und von allen Seiten her, mit derartigen Aussagen konfrontiert. Diese furchteinflößenden Abenteuer von einem, „der jemanden kennt, der von jemandem gehört hat, der schon mal dort war“, ließen mich mit der Zeit ernsthaft daran zweifeln, ob ich „in einem Stück“ wieder in meine Heimat zurückkehren werde. Dennoch wagte ich es, mich ins Flugzeug zu setzen. Nach 11 Stunden „klappstuhlhaften“ Sitzens entfaltete ich meinen Körper am Johannesburg Airport und war gemäß der Erfahrungen „der anderen“ durchaus darauf eingestellt, innerhalb der nächsten drei Minuten meines Laptops und meiner Ersparnisse beraubt zu werden. In umklammerter Haltung und mit Argusaugen tastete ich mich vorsichtig zum Airport-Ausgang vor, wo ich von Heila Jordaan, meiner Praktikumsanleiterin, in Empfang genommen werden sollte. Wie sie es fertig gebracht hatte, am Flughafen überhaupt lebendig anzukommen bzw. dabei nicht mindestens ihres Autos bestohlen worden zu sein, war für mich vorerst ein Rätsel. Voller gemischter Gefühle traf mein suchender Blick auf eine sympathische, warmherzig wirkende, lächelnde Frau mittleren Alters, die sich als Heila vorstellte und mich nach österreichischer Manier gleich herzhaft „abbusselte“. Auf dem Weg zu ihrem Haus, in dem ich großzügigerweise für die ganzen 6 Wochen wohnen durfte (!), machten wir uns bekannt und tratschten in einem fort. Während dieser einstündigen Autofahrt durch Johannesburg blätterten endlich die ersten der unheilverheißenden Geschichten von mir ab und mir wurde bewusst, dass ich sechs atemberaubende und spannende Wochen vor mir hatte.
Nichtsdestotrotz muss hier der Spruch erwähnt werden, der vielerorts von Südafrikanerinnen und Südafrikanern mit verschmitzem Grinsen zitiert wird: „Africa is nothing for Sisis !“ („Afrika ist nichts für ‚Weicheier’!“). Dem muss ich zustimmen. Das Leben ist dort härter. Die Menschen müssen sich tagtäglich vor der Kriminalität schützen und vor tiefster Armut kann man seine Augen dort nicht mehr verschließen. Das soll man ja auch nicht. Ich denke es dient der Bewusstseinsbildung und der Entwicklung der Menschlichkeit, Armut zu begegnen (vor allem auch wenn man bedenkt, dass der Grossteil der Weltbevölkerung in Armut lebt). Auch in diesem Sinne denke ich ist ein Auslandspraktikum in einem ärmeren Land sinnvoll, vor allem wenn man in einem sozialen Beruf tätig ist bzw. sein wird.
Wie ist Südafrika mir begegnet? Die Menschen, das Land und die Musik sind wild, temperamentvoll und vielfältig. Die Kulturen sind geerdet, ursprünglich und bunter als bunt. Die Gesichter sind sehr freundlich, sie heißen einen auf Anhieb willkommen, sind gemütlich, gelassen und sehr warmherzig. Lachen, Musik und Tanz ist allgegenwärtig im täglichen Leben integriert.
Logopädisch äußerst interessant ist auch die Tatsache, dass Südafrika elf Amtssprachen beherbergt, wobei eine davon eine Klicksprache (`Xhosa) ist. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung sich aus unzähligen Kulturen zusammensetzt. Zu den acht Hauptstämmen Südafrikas (Zulu, Xhosa, Ndebele …) kommen noch Weiße mit niederländischen, deutschen, französischen und britischen Ursprüngen, sowie der große Anteil an Asiatinnen und Asiaten. Man könnte man nun kurz die Augen schließen um sich vorzustellen, wie denn all diese Menschen mit all ihren Sprachen wohl klingen. In der Tat hört man eine unglaubliche Vielfalt an Sprachen und Akzenten! Während einer Fahrt zu einem Krankenhaus saß ich mit drei Studentinnen im Auto. Wir sprachen miteinander auf Englisch mit verschiedenen Akzenten und fanden heraus, dass die Muttersprachen in diesem einen Auto Afrikaans, Hebräisch, Panjabi und Deutsch waren. Südafrika wird seinem Namen als „Rainbow Nation“ überaus gerechnet.
In Bezug auf die Kriminalität möchte ich nebenbei bemerken, dass man sich einfach an gewisse Regeln halten muss, die die Einheimischen auch befolgen, dann passiert einem nichts. Ich war in den ganzen sechs Wochen in keiner einzigen gefährlichen Situation.
Ich werde nun immer wieder gefragt, wie ich denn zu so einem Praktikum gekommen bin. Auf der Homepage von IALP (Internationaler Verband von Logopäden und Phoniatern) findet sich eine Kontaktadresse. An diese habe ich mich gewendet, mit der Bitte um Zusendung von Kontakten zu Logopädinnen und Logopäden in ganz Afrika. Ich erhielt drei Kontakte. Eine davon war Heila Jordaan in Südafrika. Ich schrieb alle drei an und bekam von Heila sofort eine Zusage, wobei sie mir aber erläuterte, dass ich eine Art Berechtigung vom Sozialministerium in Südafrika benötige. Dies erschien mir zu Beginn als allzu hoffnungslos und so suchte ich weiter und durchforstete das Internet nach Krankenhäusern, Logopädinnen und Logopäden sowie Sozialeinrichtungen in ganz Afrika. Ich bekam sehr viele Antworten auf meine Anfragen, jedoch keinerlei Zusagen aufgrund rechtlicher Einschränkungen. Ein paar Monate später kam eine weltweit anerkannte Logopädin zu uns an die FH JOANNEUM. Ihr Name lautet Lili Cheng. Sie arbeitet für IALP und empfahl mir, mich wieder bei Heila zu melden. Dies geschah dann auch und in weiterer Folge wurde mein Praktikum von meiner Studiengangsleiterin Angelika Rother, ihrer Mitarbeiterin Sabine Eichler-Schöllnast, Heila Jordaan und mir organisiert. Die Sache mit der Berechtigung des Sozialministeriums stellte sich dann als viel unkomplizierter dar als gedacht. Ich musste hierfür eine Summe von rund 50 Euro nach Südafrika überweisen.
Zu all dem kam hinzu, dass mir Heila großzügigerweise ihr Haus als Unterkunft anbot, was ich dankend annahm. In Johannesburg angekommen stellte sich dann hierbei heraus, dass es gar nicht hätte besser sein können. Ich wurde als Familienmitglied aufgenommen und konnte so wertvolle Freundschaften schließen.
Nun zu meiner Praktikumsarbeit. Heila arbeitet als Dozentin für Kindersprache, Stimme und Mehrsprachigkeit an der WITS (Witwatersrand) University in Johannesburg. Das WITS zählt zu den angesehendsten und größten Universitäten in ganz Südafrika. Besonders stolz ist die liberale, seit jeher Anti-Apartheids Universität, über den ersten schwarzen Absolventen der Rechtswissenschaften in Südafrika, Nelson Mandela.
Die Logopädische Fakultät (Speech Pathology & Audiology) gehört zu der sog. „School of human and community development” des WITS. Es handelt sich um ein vierjähriges Studium, das mit dem B.A. abschließt.
Ich hatte die Möglichkeit, jede Richtung der logopädischen Arbeit im Rahmen meines Praktikums zu vertiefen, wobei es mir als Auslandspraktikantin offiziell nicht gestattet ist selbstständig Therapien durchzuführen. So war meine Tätigkeit hauptsächlich auf Hospitationen konzentriert.
Im Bereich Neurologie konnte ich viele verschiedene Gruppentherapien bei neurologischen Sprachstörungen beobachten, die in Europa wiederum nicht weit verbreitet sind. Ich ergriff diese Möglichkeit, zu diesem Thema meine Bachelor-Arbeit zu schreiben und absolvierte die empirische Arbeit im „Norwood Recreation Center“ in Johannesburg. Weiters hospitierte ich im „Chris Hani Baragwanath Hospital“ in Soweto, dem größten Armenviertel Südafrikas. Es handelt sich dabei um das flächenmäßig größte Spital der Welt und beherbergt ausgesprochen gute Ärztinnen und Ärzte, die in Anbetracht der mangelhaften Ausstattung hervorragende Arbeit leisten.
Im Bereich Schlucktherapie konnte ich Dysphagie-Therapien von Erwachsenen mit Syndromen beiwohnen, die in der heilpädagogischen Tagesstätte „Forest Farm“ untergebracht sind. In dieser Tagesstätte werden übrigens freiwillige HelferInnen gesucht (Kontakt siehe unten).
Die eindeutig traurigste Erfahrung während meines gesamten Aufenthalts machte ich im „Joburg Hospital“. Die logopädische Aufgabe ist es dort, Ernährungs- und Fütterberatung bei Säuglingen zu machen bzw. Dysphagie-Therapie durchzuführen. Das Traurige daran ist, dass 80 Prozent der therapierten Säuglinge dort HIV-positiv sind und meist zusätzlich unter Fehl- und Unterernährungen leiden. Die Studierenden kommen jede Woche auf diese Stationen und jede Woche ist mindestens eines der Kinder verstorben…
HIV stellt ein außerordentlich großes Problem in Südafrika dar. 5,3 Millionen Menschen sind infiziert. Das entspricht 21,5 Prozent der Bevölkerung. Südafrika zählt damit zu den fünf am schwersten von der Epidemie betroffenen Länder der Welt und die Regierung versucht mittels zahlreicher Kampagnen die Situation zu verbessern.
Im Bereich Kindersprache ist auch möglich, verschiedensten Therapien beizuwohnen, die hauptsächlich direkt an der WITS stattfinden.
Für den Bereich Audiologie gibt es einen voll ausgestatteten Bereich, der das audiologische Herz höher schlagen lässt.
Im Bereich Stimme gibt es die Möglichkeit am „Netcare Park Lane Hospital“ die enge Zusammenarbeit zwischen HNO-Arzt (Nebenberuflicher Sänger), Logopädin, Stimmbildnerin (Schauspielerin) und Physiotherapeutin zu bestaunen.
Neben dem Praktikum blieb ein wenig Zeit, um mir einen kleinen Einblick in dieses atemberaubende Land zu machen. Ich hatte das Glück einer Meeresschildkröte, einer Pinguinkolonie, einem Leoparden, vielen Löwen, einigen Zebras, Giraffen und vielen anderen Tieren zu begegnen. Ich stand am Tafelberg in Kapstadt und am Kap der guten Hoffnung, wo sich der indische und der atlantische Ozean begegnen um eine Flora hervorzubringen, die an Vielfalt die Pflanzenarten in ganz Europa übertreffen.
Ich nehme aus diesem Praktikum unvergessliche und wertvolle Erfahrungen mit. Für mich, meinen zukünftigen Beruf und meine zukünftigen Klientinnen und Klienten. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht nur in einem, sondern in einem noch viel größeren Stück nach Hause zurückgekehrt.
Julia Gerger
Homepages:
IALP: http://www.ialp.info/
WITS: http://web.wits.ac.za/
WITS – Logopädie: http://web.wits.ac.za/Academic/Humanities/Umthombo/SpeechPathology/
Kontakt:
Forest Farm Centre for Cerebral Palsied Adults (Zerebralparetische Erwachsene)
Jean Esterhuysen
Tel: 0027–11-789-3008
Fax: 0027–11-886-6015
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