Auslandssemester „verkehrt“

Von der Hochschule Luzern an die FH JOANNEUM

 

Der Schweizer David B. Herr verbrachte sein Auslandssemester in Graz und berichtet hier über seine Erlebnisse als Student von „Elektronik und Computer Engineering“ an der FH JOANNEUM.

Als ich von der Möglichkeit hörte, ein Auslandssemester zu machen, war für mich sofort klar, dass ich diese Option prüfe. Da ich an meiner Heim-FH Hochschule Luzern in Teilzeit studierte, dauerte der ganze Prozess eine Weile und durch einen Jobwechsel zögerte ich es bis ins letzte Semester heraus. Ich verglich unterschiedliche Fachhochschulen und Städte. So entdeckte ich die FH JOANNEUM in Graz. Auf meine Fragen bekam ich stets freundliche, unkomplizierte und kompetente Antworten. Das Curriculum des Bachelorstudiums „Elektronik und Computer Engineering" entsprach etwa dem, was ich noch benötigte und versprach eine Abwechslung zum Studienalltag, wie ich ihn von meiner Stammhochschule an der Hochschule Luzern Technik & Architektur kannte. Dies zeigte sich besonders anhand der Anzahl an Laboreinheiten und der Bewertungskriterien in den einzelnen Modulen.
Für die Vorbereitung erhielt ich jede Menge Tipps für die Wohnungssuche, Anreise, Freizeit und was es sonst noch so braucht für einen unvergesslichen Aufenthalt. Die größte Herausforderung war es, die Unterschrift meines Studiengangleiters in Luzern zu bekommen. Dies nicht, weil er es nicht unterstützt, sondern weil seine Mailbox bei uns Studierenden auch als „Schwarzes Loch“ bekannt ist.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Österreich und die Schweiz haben viele Gemeinsamkeiten. So spricht man aufgrund der Sprache und Kultur oft von den kleinen Schwestern von Deutschland. Beide Länder sind zu einem großen Teil von den Alpen bedeckt und 2008 organisierten sie zusammen die Fussballeuropameisterschaft.
Auch Graz und Luzern haben viele Gemeinsamkeiten. Beide Städte liegen am Rande der Alpen und führen oft ein Schattendasein im Vergleich mit der größten Stadt ihres Landes: Wien und Zürich. Beide haben ein großes Angebot an Fachhochschulen und Universitäten. Der größte Unterschied liegt wohl im Tourismus. Während in der Luzerner Altstadt wegen den Touristen im Sommer fast kein Durchkommen mehr ist, gibt es in Graz nur vereinzelt Touristen.
Auch bei den Fachhochschulen gibt es einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Der erste Unterschied ist der Titel des Studiengangs. In Graz heißt er „Elektronik und Computer Engineering“ und in Luzern „Elektrotechnik & Informationstechnologie“. Doch überschneidet sich der Großteil des Unterrichtsstoffs. In Luzern hat man mehr Leistungselektronik, dafür wird in Graz die zeitdiskrete Regelungstechnik vertiefter behandelt. In Luzern wurde bisher die Regelungstechnik mit den Maschinenbauern im selben Modul behandelt und daher nur im kontinuierlichen Bereich. Dies hat sich in der Zwischenzeit geändert. Ein weiterer großer Unterschied ist der Stundenplan. In Graz ist dieser fix wie auch die Klassen. So kennt man alle Mitstudierenden und Dozentinnen und Dozenten. In Luzern muss man seinen Stundenplan selbst zusammenstellen. So sitzt man in technischen Fächern oft mit Studierenden des Maschinenbaus, der Informatik oder des Wirtschaftsingenieurwesens zusammen im Unterricht. In Zusatzmodulen trifft man auch mal auf Architekten und Architektinnen oder Studierende aus den Bereichen Soziale Arbeit, Kunst oder der Wirtschaft.

Die ersten Tage

Die erste Studienwoche diente in erster Linie dem Informationsaustausch und administrativen Aufgaben. Für Interessierte gab es auch Stadtführungen. Wie es der Zufall wollte, traf ich dort noch auf einen weiteren Schweizer, welcher auch ein Austauschsemester im Studiengang „Elektronik und Computer Engineering“ machte. Er besuchte jedoch das dritte Semester und blieb nach diesem Semester in der Steiermark und so auch an der FH JOANNEUM.

Module auf Englisch

Die grösste Veränderung bei den Modulen war für mich die Unterrichtssprache. In Luzern umging ich die meisten englischsprachigen Module elegant. In Graz war der Großteil der Module auf Englisch. Ich empfand die englische Unterrichtssprache als großen Vorteil und als eine Vorbereitung für meine berufliche Zukunft. Im Modul „Model Based Design“ ging es um einen Bereich der Regelungstechnik wo zuerst anhand von Simulationen ein Regler entworfen wird. Dieses Modul beginnt bei den Grundlagen und beinhaltet fünf Laborübungen. Jede dieser Laborübungen muss dokumentiert werden und ist Bestandteil der Benotung. Zum Schluss gibt es noch eine mündliche Prüfung. Das Fach „Industrielle Automatisierung“ wird in drei Teile gegliedert. Das Programmieren einer SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung) für eine Fertigungsstraße, Messautomatisierung mit LabVIEW und Regelungstechnik mit einer SPS. Dieses Fach konnte ich nach dem Semester in Graz auch beruflich nutzen. So arbeite ich nun in der Automatisierung in der Stahlindustrie. Ich durfte mich auch bei einigen Firmen vorstellen, welche LabVIEW benutzen. Denn man lernt im Fach nicht nur die Grundlagen dieses Programmes, sondern man macht auch die CLAD-Zertifizierung. Um die Ausbildung abzurunden, besucht man noch die Fächer „Marketing & Sales“ und „Quality Management“. Auch wenn man als Student diese beiden Fächer als nicht relevant betrachtet, sind sie doch sehr wichtig in der Berufswelt.

Highlights

Das große Highlight ist wohl der Zusammenhalt der Klasse. In Luzern trifft man sich einmal pro Semester zu einer Party im Labor, organisiert vom Abschlussjahrgang. Im letzten Semester gestaltet man noch gemeinsam eine Diplomzeitung, welche mit Humor auf die Studienzeit zurückblickt. Da man in Graz alle Module gemeinsam besucht, gibt es einen Zusammenhalt des ganzen Jahrgangs. Es gab auch einige tolle Events abseits des Unterrichts. So organisierte das dritte Semester ein Pub Quiz. Kurz vor den Weihnachtsferien gab es eine kleine Feier, bei der auch Stipendien verliehen wurden. Das mit Abstand größte Event war wohl „Crazy Car“. Dort duellierten sich die Studierenden aus dem dritten Semester mit ihren selbst programmierten Rennwagen auf einer Rennstrecke. Währenddessen präsentierten wir vom fünften Semester unsere Bachelorarbeiten auf Plakaten, welche wir im Modul „Marketing & Sales“ gestaltet haben. Ebenfalls ein super Anlass war der Probelauf für die Präsentationen der Bachelorarbeiten. Alle Studierenden präsentierten an diesem Tag den anderen Mitstudierenden ihre Bachelorarbeiten. So bekam man einen Einblick in alle Aufgabenstellungen, Herausforderungen und Herangehensweisen. Im Anschluss daran gab es noch ein bisschen Information bezüglich des Masterstudiengangs, um danach gemütlich mit Pizza den Tag ausklingen zu lassen.

Freizeitleben

In Graz wird es einem nur selten langweilig. In der Stadt gibt es viel zu entdecken und unternehmen. Und mit einem Spaziergang zum Uhrturm lässt sich der Kopf nach dem Lernen gut durchlüften. Des Weiteren bietet die FH JOANNEUM diverse Freizeitaktivitäten an, wie Reisen nach Wien und Budapest oder Weihnachtskekse backen. Im Verbund mit allen Unis gibt es auch ein Sportangebot. Es lohnt sich auch ein Ausflug raus aus der Stadt. So ging ich einige Male wandern in die Obersteiermark und einmal sogar nach Slowenien auf den Triglav. Ein Muss ist auch ein Besuch in der Schokoladenfabrik Zotter. Da wird man sogar als Schweizer baff. Für rund 15 Euro kann man einen Rundgang durch die Fabrik machen und sich durch ihr nicht so kleines Sortiment probieren. Auch kulturell hat die Stadt und die Steiermark einiges zu bieten. Neben schönen Landschaften, Burgen, Schlössern und Museen gibt es auch viele tolle Events. Mitte September gibt es das Aufsteirern, eines der größten Volksfeste Österreichs. Im Dezember ist ein Besuch auf den unzähligen (16 Stück gibt es) Weihnachtsmärkten schon fast eine Pflicht. Für mich als Bergsteiger war ein Besuch am Mountain Film Festival ein Muss.