Gratiszeitungen: Müll oder Megatrend?

TÄGLICH.ALLES.GRATIS. Erkenntnisse der ersten österreichischen Medienveranstaltung zum Thema Gratismedien an der FH JOANNEUM Graz.

Graz – Gratis-Tageszeitungen mischen weltweit den Printmarkt auf und bringen vor allem billige Kaufzeitungen mit Boulevardcharakter in Bedrängnis, die bereits an Auflage verloren haben. Diese Bilanz zieht Univ.-Prof. Dr. Michael Haller von der Universität Leipzig, der am „Tag der Gratiszeitungen“ am Mittwoch in Graz vorab Ergebnisse seiner neuen Studie über Gratiszeitungen in Westeuropa vorstellte. Bei der Medienveranstaltung des Studiengangs „Journalismus und Unternehmenskommunikation“ der FH JOANNEUM diskutierte eine internationale Expertenriege über Zustand und Zukunft der Gratisblätter.

 

Gratis gegen Kauf

Qualitätszeitungen müssen sich vor den Gratisblättern weniger fürchten, sagt Haller: „Die Qualitätszeitungsleser wollen Eigenleistung, Hintergrund und Reportagen und sind künftig bereit, dafür auch mehr zu zahlen.“ Junge Leser kommen den etablierten Kaufzeitungen trotzdem abhanden, denn „die Kaufzeitungen haben in den vergangenen 50 Jahren geschlafen und sehen alt aus.“ Allerdings bestehe die Chance, dass Nichtleser durch Gratiszeitungen zu Lesern werden und sich dann auch für Qualitäts-Kaufzeitungen interessieren.

 

Peter Rothenbühler, Chef der Schweizer Kaufzeitung    Le Matin und des Gratispendants „Le Matin Bleu“, sieht die Gratiszeitungen als die besseren Tageszeitungen: „Sie bringen endlich das, was Leser wirklich wollen: Keine Hintergrundberichte, sondern alle Neuigkeiten kurz und bündig zusammengefasst, ohne Kommentare der Journalisten.“

 

Auch was gratis ist, muss gut sein

Die Gratiszeitungen sprechen junge, mobile Leser an, die mit elektronischen Medien aufgewachsen und es nicht gewohnt sind, für Informationen zu zahlen. Sie prüfen den Nutzwert eines Mediums und geben nur gut gemachten Gratiszeitungen eine Chance. „Es gibt nur einen Weg, und das ist der Weg der Qualität. Auch Gratisblätter werden nur mit hochwertigem Journalismus überleben“, erklärt Dr. Engelbert Washietl, Vorsitzender der Initiative Qualitätsjournalismus. Derzeit sieht er jedoch eine „Verflachung des Journalismus“, was für das Image der Gratiszeitungen kontraproduktiv sei, ebenso wie die Tatsache, dass die Zeitungen kostenlos verteilt werden. 

 

„ok“ gegen „Heute“

„Heute“-Herausgeberin Dr. Eva Dichand findet, dass ihr Produkt mit den „so genannten Qualitätsmedien“ mithalten kann – wirtschaftlich sei sie aber nur in Wien wirklich erfolgreich: „Weder ‚Heute’ noch die ‚ok’-Zeitung der Styria laufen gut. Gratiszeitungen bringen nur in Ballungszentren großes Geschäft. Ohne die Werbeeinschaltungen, die wir in Wien generieren, würde sich die Graz-Ausgabe für uns nicht rentieren.“ „ok“-Geschäftsführer Thomas Leskoschek kontert: „Wir liegen bei unseren Erlösen 25 Prozent höher als geplant.“

 

Werbemarkt in Bewegung

Gratiszeitungen verändern die Kräfteverhältnisse auf dem Anzeigenmarkt. 2006 flossen rund 216 Millionen Euro in Print-Werbung, bis 2009 werde sich dieser Etat verdoppeln, sagt Hans Marcher, Vorstand der Leykam Medien AG. Mag. Josef Leitner, Geschäftsführer der Focus Media Research, bestätigt: „Gerade regionale Gratiszeitungen sind nach dem Internet die wichtigste Werbeplattform.“ Am Beispiel Kroatien zeigte Dr. Klaus Schweighofer, Vorstand der Styria Medien International AG, welches Potenzial vor allem in südosteuropäischen Printmärkten stecke: Der Anzeigenmarkt wuchs dort im vergangenen Jahr um etwa 26 %.

 

Wenn gratis zur Plage wird

In Dänemark beschäftigt sich das Parlament mit dem Unmut der Bevölkerung über die kostenlose Informationsüberflutung. Die Mehrheit der Gratis-Tageszeitungen wird in den Städten über Hauszustellung verteilt. Aufkleber für Postkästen sollen den Konsumenten schützen: „Bitte keine Gratiszeitungen!“

 

Nicht zu unterschätzen ist die durch Gratis-Tageszeitungen verursachte Müllproblematik: In London entstehen täglich drei Tonnen zusätzliches Altpapier. Auch der Grazer Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl verweist auf die Mehrkosten: „Die Stadt Graz braucht einen Extra-Müllwagen und zwei Angestellte dafür.“

 

In Europa scheint der Gratiszeitungsmarkt gesättigt – abgesehen von Deutschland.  „Die Zeitungsmacher suchen immer neue Zeitfenster im Alltag der Leser. In London gibt es eigene Zeitungen in der Früh, zu Mittag und am Abend. Durch diese Überflutung droht der Markt in einen Selbstzerstörungsprozess zu schlittern“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Michael Haller. Auch Eva Dichand stimmt zu, dass man von einem Trend der Gratisblätter sprechen kann, der „aber auch bald gedeckelt sein“ wird.

 

-- SCHLUSS --   

 

Noch im Frühjahr 2007 erscheint bei Leykam ein Reader zum Thema Gratiszeitungen, herausgegeben vom Studiengang „Journalismus und Unternehmenskommunikation“ der FH JOANNEUM.

 

 

Zahlen, Daten, Fakten:

 

  • Von Santiago de Chile bis Hongkong – weltweit erscheinen rund 170 Gratis-Tageszeitungen in 42 Ländern, wobei die Zahl der Gratisblätter monatlich steigt
  • Der größte Konzern ist „Metro“ (Schweden), der mit 70 Ausgaben in 21 Ländern und über 100 Städten präsent ist und 18,5 Millionen Leser hat (Metro-Länder: Chile, Dänemark, Honkong, Südkorea, Schweden, Mexiko, Tschechien, Kroatien, Ungarn, uvm.)
  • Die erste Gratis-Tageszeitung der Welt hatte zwei Seiten und erschien vor 100 Jahren in Australien.
  • Der wirkliche Erfolgslauf der Gratis-Tageszeitungen begann im Februar 1995.
  • Die erste Gratis-Tageszeitung in Österreich war der mittlerweile eingestellte „U-Bahn-Express“ in Wien. Wenige Monate darauf startete – wieder in Wien – „Heute“, das nun auch in Graz, Wels, Steyr, Linz und Niederösterreich erscheint. Die Styria Medien AG konterte mit „ok“ in Graz und einigen Städten Kärntens. „NEUER Express“ ist der Titel einer Gratis-Tageszeitung der Moserholding in Tirol, in Linz liest man neben „Heute“ auch das Gratisblatt „Oberösterreichs Neue“.

Service :     

  • nähere Informationen   zur Medienveranstaltung „TÄGLICH.ALLES.GRATIS“ und zu den Referenten
  • Wissenswertes über Gratis-Tageszeitungen
  • Fotos von der Tagung in Druckqualität
  • Audio- und Videofiles von der Tagung    

Live-Dokumentation der Vortäge auf http://juk.typepad.com/onlinejournalismus06

 

Bilder der Tagung in Druckqualität auf http://www.flickr.com/groups/tagdergratiszeitungen

(Fotocredit: FH JOANNEUM) 

 

 

FH-Prof. Mag. Dr. Heinz M. Fischer

Studiengang „Journalismus und Unternehmenskommunikation“

FH JOANNEUM GRAZ