Das Auslandssemester in der Schweiz war für mich eine Erfahrung, die ich jederzeit wieder machen würde. Ich konnte mich fachlich, persönlich und auch in meiner Rolle als angehende Physiotherapeutin enorm weiterentwickeln. Gleichzeitig war es eine Zeit voller neuer Eindrücke, Herausforderungen und unvergesslicher Erlebnisse.
Bereits die Anreise war ein kleines Abenteuer. Gemeinsam mit einem Kollegen, der ebenfalls sein Auslandssemester absolvierte, machten wir uns auf den Weg nach Walenstadtberg. Für die Strecke benötigten wir fast zehn Stunden – nicht etwa wegen des Verkehrs, sondern weil unser Auto bis unters Dach vollgepackt war. Von Skitourenausrüstung über Laufschuhe, Kletterzeug und Fahrradsachen bis hin zu Geschirr, Lebensmitteln und allen Dingen des täglichen Lebens war alles dabei. Da wir für mehrere Monate vor Ort sein würden und die Unterkunft selbst ausstatten mussten, durfte natürlich nichts fehlen. Als wir schließlich gegen zehn Uhr nachts ankamen, wartete noch die letzte Herausforderung auf uns: Die Auffahrt zur Klinik. Im Dunkeln, bei Regen und Nebel ging es über eine schmale, steile Straße rund 500 Höhenmeter den Berg hinauf. Gefühlt wollte diese Straße einfach kein Ende nehmen. Oben angekommen tauchte schließlich die Rehaklinik aus dem Nebel auf – mit ihrem burgähnlichen Erscheinungsbild wirkte sie fast wie aus einem Film. Glücklicherweise fanden wir trotz der späten Uhrzeit noch jemanden, der uns unsere Schlüssel übergab, sodass wir unsere Zimmer beziehen konnten und erschöpft, aber gespannt auf die kommenden Monate ins Bett fielen.
Bereits am nächsten Morgen begann unser erster Arbeitstag. Wir wurden ausgesprochen herzlich empfangen und erhielten eine Einführung, wie ich sie als Praktikantin zuvor noch nie erlebt hatte. Innerhalb kürzester Zeit bekamen wir alles, was wir für unsere Arbeit benötigten: eigenes Telefon, Schlüssel, Spind, Zugangsdaten und einen vollständigen Zugang zum Dokumentationssystem. Mit dieser großen Freiheit kam allerdings auch viel Verantwortung. Sowohl in der Therapie als auch bei der Dokumentation und im organisatorischen Alltag arbeitete man weitgehend selbstständig. Gleichzeitig wurde man aber keineswegs ins kalte Wasser geworfen. Das gesamte System, die Abläufe und die organisatorischen Strukturen wurden ausführlich erklärt. Für Fragen nahm man sich jederzeit Zeit und man hatte stets das Gefühl, Unterstützung zu bekommen, wenn man sie benötigte. Die Einführung war dadurch sehr sanft, aber gleichzeitig erstaunlich effizient. Schon am ersten Tag erhielt ich meinen eigenen Arbeitsplan, in dem neben Therapien auch Einführungen und Zeiten für Selbststudium eingeplant waren.
Während des gesamten Praktikums fühlte ich mich als Studierende unglaublich wertgeschätzt. Man hatte das Gefühl, dass einem etwas zugetraut wird. Gleichzeitig wusste man, dass man sich bei jeder noch so kleinen Unsicherheit an jemanden wenden konnte, ohne dafür bewertet oder belächelt zu werden. Jede Woche fanden Supervisionen und Studierendenfortbildungen statt. Zusätzlich gab es täglich etwa 30 bis 60 Minuten speziell für Studierende reservierte Zeit, um Dokumentation nachzuholen, zu recherchieren oder fachliche Fragen zu bearbeiten.
Mindestens genauso wichtig wie die hervorragende Organisation war jedoch das Team. Die Physiotherapieabteilung bestand aus vielen jungen Kolleg:innen, alle waren per Du und der Umgang miteinander war ausgesprochen freundlich. Der große Aufenthaltsraum mit Kaffeemaschine, Massagesesseln und gemeinsamer Mittagspause sorgte zusätzlich für eine angenehme Atmosphäre. Durch dieses enge Miteinander kam man auch regelmäßig mit anderen Berufsgruppen ins Gespräch. Von den hier oft erlebten hierarchischen Strukturen im Gesundheitssystem war hier kaum etwas zu spüren. Stattdessen standen gegenseitiger Respekt, Offenheit und Zusammenarbeit im Vordergrund.
Neben dem Praktikum besuchte ich Lehrveranstaltungen an der SUPSI. Auch dort zeigte sich die für die Schweiz typische Mischung aus hoher Qualität, guter Organisation und einer sehr angenehmen Lernatmosphäre. Besonders spannend war es für mich zu sehen, wie unterschiedlich ein eigentlich gleiches Studium in verschiedenen Ländern gestaltet werden kann. Die Klassen waren deutlich kleiner als gewohnt, alle waren per Du, sogar mit den Lehrenden und die offene Unterrichtskultur sorgte für eine entspannte, aber gleichzeitig sehr produktive Atmosphäre. Fachlich war der Unterricht zunächst ungewohnt. Viele Testungen, Untersuchungen und Konzepte waren für mich völlig neu, obwohl die Studierenden erst im zweiten Semester waren. Umgekehrt konnten die Schweizer Studierenden mit manchen Techniken und Ansätzen, die wir aus Österreich kannten, wenig anfangen. Gerade dieser Austausch machte den Unterricht aber besonders spannend. Vor allem im Rahmen einer Prüfung zum Thema Schulterrehabilitation konnte ich mein bisheriges Wissen mit den neu kennengelernten Ansätzen verknüpfen. Dadurch wurden nicht nur neue Inhalte verständlicher, sondern auch bereits gelerntes Wissen nochmals gefestigt.
Auch die Freizeit kam trotz Praktikum und Bachelorarbeit nicht zu kurz. Gerade zu Beginn nutzte ich die Zeit vor allem für mich selbst und machte aus dem Semester gewissermaßen ein kleines Trainingslager. Später kamen dann auch gemeinsame Aktivitäten hinzu – Baden und Grillen am See, Bouldern mit Kolleginnen von der SUPSI oder Besuche von Freunden aus Österreich.
Natürlich war die soziale Integration außerhalb der Arbeit nicht immer ganz einfach. Viele Menschen vor Ort sind bereits fest in ihrem Alltag verankert und wohnen nicht direkt am Berg. Nach einem langen Arbeitstag war es daher manchmal schwierig, außerhalb des Berufs neue soziale Kontakte aufzubauen. Große Studentenpartys suchte man ebenfalls vergeblich. Durch das unglaublich herzliche Team fiel das aber kaum ins Gewicht und ich konnte die Zeit trotzdem in vollen Zügen genießen. Besonders hervorheben möchte ich den Ort selbst.
Das Praktikum fand meiner Meinung nach an einem der schönsten Plätze statt, die ich bisher kennenlernen durfte. Direkt oberhalb der Klinik erstreckten sich Wälder und Wiesen bis hinauf zu den steilen Felswänden der Churfirsten. Talwärts blickte man auf den türkisblauen Walensee. Die Menschen waren überall ausgesprochen freundlich, egal ob Patient:in, Mitarbeitende oder Personen, denen man am See oder im Dorf begegnete. Da wir von März bis Juni dort waren, bot die Umgebung nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten. Kaum ein Tag verging, an dem ich die Natur nicht nutzte. Von meiner wöchentlichen Skitour im Frühjahr (einmal sogar direkt vom Personalhaus aus bei eineinhalb Metern Neuschnee) über Trailrunning, Gravelbiken und Wandern bis hin zu spontanen Ausflügen an den See war alles möglich. Und das Beste daran: Die schönsten Touren begannen direkt vor der Haustür. Mit einem solchen Ausgleich ließ sich auch die Bachelorarbeit deutlich leichter schreiben. Da war es dann gar nicht mehr so schlimm, wenn Freunde in Graz gerade bei Regen oder schwüler Hitze saßen, während ich zwischen Bergen, See und Sonnenschein unterwegs war. Auch die Unterkunft ließ keine Wünsche offen. Die Wohnung war zwar klein, aber mit allem ausgestattet, was man brauchte: eigene Küche, eigenes Bad und ein gemeinsamer Waschraum. Mehr hätte ich für diese Zeit nicht benötigt.
Rückblickend hat mich das Auslandssemester in jeder Hinsicht positiv überrascht. Ich hatte vor meiner Anreise nur wenige konkrete Vorstellungen vom Leben in der Schweiz oder vom dortigen Gesundheitssystem. Umso beeindruckender war es zu erleben, wie selbstständig, strukturiert und gleichzeitig menschlich gearbeitet wird. Zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, bereits als Physiotherapeutin zu arbeiten und Verantwortung für meine eigenen Patient zu tragen. Dadurch lernt man auf eine ganz andere Weise. Einerseits durch die regelmäßigen Fortbildungen und den fachlichen Austausch, andererseits aber vor allem dadurch, dass man sich intensiv mit den eigenen Therapien auseinandersetzt, weil man selbst dafür verantwortlich ist. Und natürlich fühlt sich Arbeit auch gleich etwas anders an, wenn man am Ende des Monats erstmals dafür bezahlt wird. Abschließend kann ich sagen, dass ich Walenstadtberg, die Rehaklinik, das Team, die Patient und die gesamte Umgebung sehr in mein Herz geschlossen habe. Ich nehme viele fachliche Erkenntnisse, neue Perspektiven und zahlreiche schöne Erinnerungen mit nach Hause. Für mich war dieses Auslandssemester eine unglaublich wertvolle Erfahrung, die mich sowohl als zukünftige Physiotherapeutin als auch als Person nachhaltig geprägt hat. Ich kann diesen Ort und diese Möglichkeit daher jedem nur wärmstens empfehlen.