Was braucht es eigentlich, um sich auf eine Expedition in den hohen Norden vorzubereiten? Die Antwort lautet: weit mehr als warme Kleidung und wissenschaftliche Neugier.
Für die Mitglieder des ARCTIC EXPEDITION TEAM (AET) der FH JOANNEUM begann die Vorbereitung bereits viele Monate vor der Abreise. Auf dem Programm standen unter anderem ein praktisches Drohnentraining inklusive Drohnenführerschein sowie ein Gletschertraining, bei dem die Studierenden unter anderem den Umgang mit Klettergurt, Eispickel und Steigeisen erlernten. Vor Ort in Schweden ergänzte ein Erste-Hilfe-Crashkurs die Vorbereitung.
Vom ersten Drohnenflug bis zur Arktis
Yvonne Gerster, 28. August 2026
– Wie das JOANNEUM ARCTIC EXPEDITION TEAM über sich hinauswächst
Das Drohnentraining fand im AIRlabs Drohnen-Testgebiet Steinalpl statt und bot den Studierenden die Möglichkeit, theoretisches Wissen unmittelbar unter realitätsnahen Bedingungen anzuwenden. Ermöglicht wurde dieses Training auch durch die Unterstützung der Steiermärkischen Sparkasse, die das ARCTIC EXPEDITION TEAM auf seinem Weg begleitete und damit einen wichtigen Beitrag zur praxisnahen Ausbildung der Studierenden leistete. Ziel all dieser Vorbereitungen war es, das Team bestmöglich auf die Herausforderungen der Expedition vorzubereiten.
Gemeinsam planten und realisierten sie eine Expedition ins Tarfala Valley in Nordschweden, wo das Team an der Tarfala Research Station (TRS) zu Gast war. Das Projekt entstand in Kooperation mit der Universität Stockholm und verbindet wissenschaftliche Fragestellungen, Technik, Kommunikation und Teamarbeit. Gerade diese Interdisziplinarität macht das Projekt so besonders.
Ich durfte mit Nina Pachner sprechen, die Journalismus und PR studiert und im Team für Kommunikation und Berichterstattung verantwortlich ist. Eigentlich begleitet sie die Expedition mit Kamera, Texten und Geschichten. Dass sie im Rahmen der Vorbereitung selbst einen Drohnenführerschein absolvieren würde, hätte sie sich wenige Monate zuvor noch nicht vorstellen können.
Mehr als ein Drohnentraining
“Ich hatte vorher überhaupt nichts mit Drohnen zu tun”, erzählt sie lachend. Gerade deshalb sei die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Team Theorie und Praxis zu absolvieren, etwas ganz Besonderes gewesen. Anfangs wirkten die technischen Inhalte durchaus einschüchternd – Flugphysik, rechtliche Grundlagen oder Sicherheitsvorschriften gehören schließlich nicht zum klassischen PR-Studium. Doch genau das habe sie überrascht: Schritt für Schritt wurde aus anfänglicher Unsicherheit echtes Verständnis. Plötzlich wurden Zusammenhänge greifbar und aus Theorie wurde Praxis.
Besonders beeindruckt hat sie, wie viel Verantwortung hinter jedem Drohnenflug steckt. Sicherheitsabstände, Wetterbedingungen, Datenschutz oder auch die Rücksichtnahme auf Menschen und Tiere – viele Aspekte seien ihr zuvor gar nicht bewusst gewesen. Gerade dadurch habe sich ihr Blick auf Drohnen und ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten grundlegend verändert. Sie sieht sie heute längst nicht mehr nur als Werkzeug für beeindruckende Foto- und Videoaufnahmen, sondern als vielseitiges Hilfsmittel mit zahlreichen Einsatzmöglichkeiten – von Such- und Rettungseinsätzen bis hin zur wissenschaftlichen Datenerhebung.
Auch der erste eigene Flug bleibt ihr in Erinnerung. Was von außen oft spielerisch aussieht, verlangt in Wirklichkeit höchste Konzentration. Kleine Bewegungen an der Fernsteuerung können große Auswirkungen haben. Gleichzeitig lernte sie, wie wichtig Teamarbeit beim Flugbetrieb ist. Während Pilot:innen die Drohne steuern, behalten andere Personen (Visual Observer) den Luftraum, die Umgebung und mögliche Gefahren im Blick. Erst dieses Zusammenspiel macht einen sicheren Einsatz möglich.
Gemeinsam wachsen
Überhaupt zieht sich ein Gedanke durch das gesamte Gespräch: Niemand muss im ARCTIC EXPEDITION TEAM alles können – aber alle unterstützen sich gegenseitig dabei, Neues zu lernen.
Ob Drohnentraining, Gletscherkurs oder Expeditionsplanung: Erfahrene Teammitglieder geben ihr Wissen selbstverständlich weiter, unterschiedliche Studienrichtungen ergänzen sich und jede Person bringt ihre eigenen Stärken ein. Für Nina ist genau das eine der größten Stärken des Projekts. Sie beschreibt ein Umfeld, in dem nicht Konkurrenz, sondern gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt steht. Ein Team, in dem alle freiwillig dabei sind, Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
Vielfalt als gelebte Stärke
Während unseres Gesprächs ließ ich mir eine Frage nicht nehmen. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich derzeit intensiv mit den Themen Gender, Diversität und Inklusion beschäftige. Gerade in technischen Bereichen interessiert mich deshalb immer auch, wie Menschen solche Umgebungen wahrnehmen.
Umso schöner war Ninas Antwort. Sie erzählte nicht von Hürden oder Vorurteilen – weder in ihrem Studium noch im ARCTIC EXPEDITION TEAM. Stattdessen beschrieb sie ein Umfeld, in dem sie sich vom ersten Moment an willkommen fühlte – unabhängig davon, dass sie weder Luftfahrt studiert noch zuvor Erfahrung mit Drohnen hatte. Motivation, Teamgeist und gegenseitige Unterstützung stehen im Mittelpunkt. Die unterschiedlichen Studienrichtungen werden dabei nicht als Unterschied wahrgenommen, sondern als große Bereicherung. Erst die verschiedenen fachlichen Perspektiven machen die interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich und verleihen dem Team seine besondere Stärke. Genau dieses selbstverständliche Miteinander macht die FH JOANNEUM für Nina – und auch für mich – zu einem ganz besonderen Ort. Inklusion wird hier nicht groß angekündigt – sie wird gelebt.
Ja, ich probier’s!
Besonders berührt hat mich zum Schluss ihre Botschaft an zukünftige Studierende:
„Man müsse nicht von Anfang an wissen, wohin einen ein Studium einmal führen wird. Viel wichtiger sei es, Chancen einfach anzunehmen.“
Oder, wie sie selbst sagt:
“Ja, ich probier’s.”
Genau aus dieser Haltung entstand für sie eine außergewöhnliche Erfahrung: Gemeinsam mit ihrem Team konnte sie nach Nordschweden aufbrechen und Teil einer Expedition werden, die sie so wohl nie vergessen wird. Vielleicht steckt genau darin die wichtigste Erkenntnis dieses Interviews: Große Abenteuer beginnen manchmal mit einer einzigen kleinen Entscheidung.
Schwedisch Lappland – wir freuen uns auf ein Wiedersehen!
Auch in diesem Jahr war Holger Friehmelt, Institutsleiter Luftfahrt an der FH JOANNEUM, wieder Teil des ARCTIC EXPEDITION TEAM und begleitete die Studierenden nach Schwedisch Lappland. Zurück blieb nicht nur die Erinnerung an eine beeindruckende Landschaft, sondern vor allem Begeisterung darüber, was die Studierenden vor Ort auf die Beine gestellt haben.
Die vielfältigen Studierendenprojekte, die besonderen Möglichkeiten an der Tarfala Research Station und nicht zuletzt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Universität Stockholm machten die Expedition auch für ihn zu einer besonderen Erfahrung. Eine Zusammenarbeit, die mit der Rückkehr nach Österreich keineswegs enden soll: Die entstandene Kooperation soll weitergeführt und auch in Zukunft mit Leben gefüllt werden.
Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: „Schwedisch Lappland – wir freuen uns auf ein Wiedersehen!“
Und so dürfen wir wohl schon jetzt gespannt sein, wohin die nächsten Expeditionen das ARCTIC EXPEDITION TEAM führen werden.
Ein Großteil der Kosten der Expedition konnte über Erasmus+ der Europäischen Union abgedeckt werden. Um auch künftig besondere Projekte und Erfahrungen wie diese für Studierende zu ermöglichen, freut sich das AET darüber hinaus über weitere Sponsor:innen und Unterstützer:innen.