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Vom Flugversuch zum Einsatz

Yvonne Gerster BA, 03. November 2026

Foto: Holger Friehmelt

– Wenn Drohnenforschung in der Bergrettung ankommt

Zwei Tage lang ging es bei der 7th UAV Flight Test Convention an der FH JOANNEUM um Forschung, Flugtests und die Frage, wie unbemannte Luftfahrtsysteme sicher weiterentwickelt und für neue Anwendungen nutzbar gemacht werden können. Noch in der Nacht nach dem zweiten Veranstaltungstag machten sich unser Institutsleiter Holger Friehmelt, Alexander Nitsche und Arian Ghoddousi des Instituts Luftfahrt der FH JOANNEUM auf den Weg nach Südtirol.

Im Gepäck: viele neue Ideen, internationale Kontakte und fachliche Impulse aus Graz. Das Ziel: die Pilot Days in Südtirol, die ursprünglich aus dem Projekt START Living Lab hervorgegangen sind und heute auf Initiative der beteiligten Partnerorganisationen aus Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz weitergeführt werden. Dort trafen die Forschungsansätze und technologischen Möglichkeiten, die noch kurz zuvor bei der Flight Test Convention im Mittelpunkt standen, auf eine ganz andere Perspektive: die konkreten Anforderungen der alpinen Bergrettung.

Denn was in Forschung, Entwicklung und Flugerprobung entsteht, muss sich am Ende dort bewähren, wo Technologie tatsächlich gebraucht wird. Im alpinen Rettungseinsatz bedeutet das: unter Zeitdruck, bei Kälte, Wind und schlechter Sicht, in schwierigem Gelände – und mit einer Verantwortung, die weit über technische Leistungsdaten hinausgeht.

Genau darum ging es bei den Pilot Days: testen, was im Einsatz bestehen muss.

Von der Forschung in die Anwendung

Die Verbindung zwischen den beiden Veranstaltungen war dabei näher, als es die nächtliche Fahrt von Graz nach Südtirol zunächst vermuten lässt. Bereits bei der UAV Flight Test Convention waren gesellschaftlich relevante Anwendungen von Drohnen Thema – darunter etwa die Waldbranddetektion. Bei den Pilot Days rückte nun die alpine Rettung in den Mittelpunkt.

Das Projekt START Living Lab bildete die Grundlage für den grenzüberschreitenden Austausch zwischen Bergrettungsorganisationen, Forschung und Technologiepartnern. Im Fokus stand die Entwicklung und Erprobung von Drohnentechnologien für alpine Rettungseinsätze. Forschung und Entwicklung sollten dabei nicht losgelöst von den späteren Anwender:innen stattfinden: Die Anforderungen der Einsatzorganisationen flossen direkt in Entwicklung, Tests und Trainingskonzepte ein.

Dieser Ansatz wird auch bei den weiterhin stattfindenden Pilot Days verfolgt. Bereits bei den START Living Lab Pilot Days 2024 und 2025 zeigte sich, wie wichtig es ist, technische Möglichkeiten nicht nur zu demonstrieren, sondern gemeinsam mit jenen Menschen zu bewerten, die sie später im Einsatz benötigen. In diesem Jahr ging es nun einen Schritt weiter – in Richtung gemeinsamer Strukturen, Trainings und grenzüberschreitender Lösungen.

Mit dabei waren der Bergrettungsdienst Alpenverein Südtirol (AVS), die Südtiroler Berg- und Höhlenrettung C.N.S.A.S., die Bergrettung Tirol, der Soccorso Alpino e Speleologico Trentino (CNSAS), der Soccorso Alpino e Speleologico Veneto (SASV – CNSAS), die Bergwacht Bayern und die Alpine Rettung Schweiz (ARS).

Gemeinsam entwickeln – über Grenzen hinweg

Der offizielle Auftakt fand im NOI Techpark in Bozen statt. Bereits die Unterzeichnung einer gemeinsamen Absichtserklärung zur weiteren Zusammenarbeit machte deutlich, was die Pilot Days prägt: Herausforderungen im alpinen Raum enden nicht an Landesgrenzen – und technologische Lösungen sollten es ebenso wenig tun.

Holger Friehmelt, Institutsleiter Luftfahrt/Aviation an der FH JOANNEUM, schließt sich damit unmittelbar der Kreis zur UAV Flight Test Convention: „Bei der Flight Test Convention haben wir gesehen, wie wichtig internationale Zusammenarbeit für Forschung und Flugerprobung ist. Bei den Pilot Days zeigt sich die nächste Ebene: Technologien müssen gemeinsam mit den Menschen weiterentwickelt werden, die sie später unter realen Bedingungen einsetzen. Genau dieser Austausch über Fach- und Ländergrenzen hinweg bringt uns weiter.“

Der Ort dafür könnte kaum passender sein. Der NOI Techpark versteht sich als Innovationsstandort, an dem Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Universität gemeinsam an praxisnahen Lösungen arbeiten. Im Maker Space, einem 400 Quadratmeter großen experimentellen Hardware-Labor, stehen unter anderem 3D-Drucker, 3D-Scanner, Laserscanner und CNC-Fräsen für die Entwicklung von Prototypen zur Verfügung. [Quelle NOI Techpark / Maker Space]

Auch der Drohnenkäfig am Campus verdeutlicht den Fokus auf Entwicklung und Erprobung.

Wenn nicht nur die Drohne an ihre Grenzen kommt

Technologie ist allerdings nur ein Teil eines erfolgreichen Einsatzes. Mindestens ebenso entscheidend ist der Mensch, der sie bedient. Ein weiterer Programmpunkt widmete sich deshalb einer Feldstudie zur Leistungsfähigkeit von Drohnenpilot:innen. Untersucht wurden Einflussfaktoren, die sich auf die UAV-Pilot:innen während einer Mission auswirken können. Für unser Team ist diese Fragestellung besonders relevant. Auch in den von der FH JOANNEUM genutzten Drohnen-Testgebieten können Pilot:innen mit Kälte, Wind, Hitze oder intensiver Sonneneinstrahlung konfrontiert sein. Bei Einsätzen von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben kommt eine weitere Dimension hinzu: Stress. Entscheidungen müssen unter Zeitdruck getroffen werden – im Wissen, dass es im Ernstfall um die Sicherheit von Einsatzkräften und Menschen in Not gehen kann. Wie sich solche Belastungen trainieren lassen, erlebten Arian Ghoddousi, Alexander Nitsche und Holger Friehmelt am Nachmittag selbst.

Drohnenflug bei Kälte – ohne auf den Winter warten zu müssen

Im terraXcube von EURAC Research, unter der Leitung von Christian Steurer (Head of Center), stand ein Mixed-Reality-Drohnensimulator für die Lawinenrettung auf dem Programm. In einer Klimakammer absolvierten die Teilnehmenden mit VR-Brille eine simulierte Such- und Rettungsmission. Die Aufgabe: einer vorgegebenen Suchroute folgen und eine unter einer Lawine verschüttete Person möglichst schnell, sicher und effektiv lokalisieren.

Das Besondere daran war die Kombination aus Simulation und körperlicher Belastung. Bei rund fünf Grad Celsius wurden nicht nur die Missionsabläufe trainiert. Kälte und Feuchtigkeit machten gleichzeitig erfahrbar, wie äußere Bedingungen Konzentration und Leistungsfähigkeit beeinflussen können. Für Arian Ghoddousi, FH JOANNEUM, liegt gerade in dieser Kombination ein großer Mehrwert: „Stressbelastung gehört zu realen Einsätzen dazu. Deshalb ist es wichtig, solche Situationen trainieren zu können und sich bewusst zu machen, wie Kälte oder andere äußere Einflüsse die eigene Leistungsfähigkeit verändern. Eine kontrollierte Simulation bietet dafür sehr wertvolle Möglichkeiten. In unseren Testgebieten können wir anschließend noch einen Schritt weitergehen: Dort fliegen die Pilot:innen reale UAVs unter tatsächlichen Umweltbedingungen. Das Wetter lässt sich dort nicht planen – und genau dadurch entsteht eine wichtige Ergänzung zwischen Simulation, Training und realitätsnaher Flugerprobung.“ 

Welche Technologien braucht die Bergrettung wirklich?

Parallel dazu beschäftigten sich zwei weitere Sessions mit Fragen, die weit über einzelne Drohnensysteme hinausgehen.

Beim Thema Drohnentransport in der Bergrettung wurde diskutiert, wie unbemannte Luftfahrzeuge künftig Material und Ausrüstung in schwer zugängliches Gelände bringen könnten. Ein besonderes Highlight war die Vorstellung der neuen FB4 Transportdrohne von FlyingBasket durch Moritz Moroder, der das Unternehmen 2015 gemeinsam mit Matthias Moroder gegründet hat. Mit einer Nutzlast von bis zu 200 Kilogramm ist sie für den Transport schwerer Ausrüstung und Materialien konzipiert. Das elektrisch betriebene UAV verfügt über acht Rotoren und ist unter anderem für anspruchsvolle Einsätze in schwer erreichbaren Gebieten ausgelegt. Gerade für die alpine Rettung eröffnet dies interessante Perspektiven: Benötigte Ausrüstung könnte künftig direkt zum Einsatzort transportiert werden, ohne dass Rettungskräfte schwere Lasten selbst durch unwegsames Gelände tragen müssen. Gemeinsam mit Bergrettungsorganisationen, Drohnenexpert:innen und Projektpartnern wurden operative Anforderungen, regulatorische Möglichkeiten und bisherige Erfahrungen betrachtet. Ziel ist es, realistische und möglichst interoperable Ansätze für zukünftige Transportmissionen zu entwickeln.

Eine weitere Gruppe beschäftigte sich mit einer gemeinsamen Einsatzsoftware für Rettungsmissionen. Denn sobald mehrere Drohnen, Rettungshubschrauber und Einsatzorganisationen gleichzeitig beteiligt sind, reicht es nicht mehr aus, nur das eigene Luftfahrzeug im Blick zu behalten. Informationen über Positionen, Flugrouten und Missionsgebiete müssen für die beteiligten Organisationen verfügbar und verständlich sein. Damit war bereits eines jener Themen gesetzt, das am zweiten Pilot Day noch deutlicher in den Mittelpunkt rückte: das gemeinsame Lagebild.

Fünf Stationen, eine zentrale Frage

Nach dem Briefing am zweiten Veranstaltungstag wechselten die Teilnehmenden in regelmäßigen Abständen zwischen fünf Stationen. Vorgestellt und diskutiert wurden Technologien, Trainingsansätze und Konzepte, die künftig in der alpinen Rettung eine Rolle spielen könnten. Bei einer Station stand beispielsweise die drohnengestützte Lawinenverschüttetensuche im Fokus. Ein erster Prototyp wurde gemeinsam mit den Rettungsorganisationen betrachtet und bewertet. Entscheidend war dabei nicht, eine fertige Lösung zu präsentieren. Vielmehr ging es um die Frage: Was brauchen Einsatzkräfte tatsächlich? Welche Funktionen helfen im Gelände? Welche Informationen müssen unmittelbar verfügbar sein? Wo liegen Grenzen? Und was muss geklärt werden, bevor aus einem technischen Prototyp ein System werden kann, das im Einsatz zuverlässig unterstützt? Dieser User-Ansatz gehört zu den Grundideen von den Pilot Days: Nicht zuerst eine Technologie fertig entwickeln und anschließend nach einer Anwendung suchen, sondern Einsatzkräfte frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbeziehen.

Ein Luftraum, viele Einsatzkräfte

Für Alexander Nitsche von der FH JOANNEUM kristallisierte sich während der Diskussionen vor allem ein Thema heraus: Sobald Drohnen zu einem festen Bestandteil komplexer Rettungseinsätze werden, braucht es ein gemeinsames und aktuelles Lagebild – am Boden und in der Luft. Denn ein zukünftiges Szenario könnte durchaus so aussehen: Eine Lastendrohne transportiert dringend benötigte Ausrüstung in schwer zugängliches Gelände. Parallel sucht eine weitere Drohne ein Gebiet nach vermissten oder verschütteten Personen ab. Ein anderes System erfasst mögliche Gefahrenbereiche, während gleichzeitig Rettungs- oder Polizeihubschrauber im Einsatz sind. Technisch können viele dieser Aufgaben bereits heute unterstützt werden. Die eigentliche Herausforderung entsteht dort, wo alles zusammenkommt. „Wenn mehrere Organisationen gleichzeitig mit unbemannten und bemannten Luftfahrzeugen arbeiten, müssen alle wissen, was sich wo im Luftraum befindet„, fasst Alexander Nitsche zusammen. „Dafür brauchen wir gemeinsame Lagebilder, abgestimmte Verfahren und klare Zuständigkeiten. Ebenso wichtig sind vergleichbare Ausbildungsstandards für UAV-Pilot:innen von Einsatzorganisationen. Systeme wie FLARM oder ADS-B können dabei wichtige Bausteine sein. Entscheidend ist aber, dass Technik, Ausbildung und Einsatzregeln zusammengedacht werden – im Idealfall auch grenzüberschreitend.“ 

Eine mögliche Perspektive wären klar koordinierte Einsatzräume und Aufgaben: Während ein System Material transportiert, übernimmt ein anderes die Personensuche oder Lageerkundung. Verschiedene Missionen könnten so parallel durchgeführt werden, ohne dass die Sicherheit der Einsatzkräfte oder anderer Luftverkehrsteilnehmenden beeinträchtigt wird. Gerade im Alpenraum ist der internationale Austausch dafür entscheidend. Einsätze, Technologien und Luftfahrt machen nicht an Staatsgrenzen halt. Gemeinsame Standards können deshalb langfristig dazu beitragen, Drohnenoperationen sicherer, effizienter und organisationsübergreifend koordinierbar zu machen.

Vom Testgebiet bis zum Einsatzort

Nach zwei Tagen in Südtirol blieb deshalb vor allem eine Erkenntnis: Innovation in der unbemannten Luftfahrt besteht nicht darin, möglichst viele neue Technologien zu entwickeln. Entscheidend ist, ob diese Technologien unter realen Bedingungen funktionieren, von Einsatzkräften sinnvoll genutzt werden können und sich sicher in bestehende Abläufe integrieren lassen. Genau hier treffen sich die beiden Veranstaltungen dieser intensiven Woche wieder.

Bei der 7th UAV Flight Test Convention in Graz standen Forschung, Entwicklung und Flugerprobung im Mittelpunkt. Bei den Pilot Days in Südtirol ging es darum, welche Anforderungen entstehen, wenn aus technologischen Möglichkeiten Werkzeuge für reale Einsätze werden. Dazwischen liegen Testgebiete, Simulationen, Trainings, regulatorische Fragen, Forschung – und vor allem der Austausch zwischen Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern.

Was 2024 bei den Pilot Days noch stark vom Kennenlernen technologischer Möglichkeiten geprägt war und in den Folgejahren zunehmend in gemeinsame Übungen und Standards überging, entwickelt sich damit weiter zu einem echten Living-Lab-Ansatz: Alle entwickeln gemeinsam. Denn Drohnen können im alpinen Einsatz Ausrüstung transportieren, Gebiete erkunden, Informationen liefern und bei der Suche nach Menschen unterstützen. Ob daraus tatsächlich ein sicherer und effizienter Einsatz wird, entscheidet sich jedoch nicht allein in der Luft. Es entscheidet sich dort, wo Forschung, Technologie und Erfahrung zusammenkommen – lange bevor der Ernstfall beginnt.

©Holger Friehmelt

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