Ein Jahr in Bolivien hat meine Sicht auf Gesundheit, Therapie und Lebensziele grundlegend verändert. Besonders die Arbeit mit Kindern und die Dankbarkeit der Menschen vor Ort haben mich nachhaltig geprägt: Ich bin Leon Hingel, Absolvent des Bachelorstudiums Physiotherapie an der FH JOANNEUM. Schon während meines Studiums hat es mich immer wieder ins Ausland gezogen – unter anderem nach Kambodscha und in die Schweiz. Dabei wurde mir bewusst, dass Physiotherapie in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten völlig unterschiedliche Ziele verfolgt. Diese Perspektivwechsel haben meine fachliche Entwicklung stark beeinflusst und letztlich den Wunsch geweckt, nach dem Studium noch einmal länger im Ausland zu arbeiten.
Von Oktober 2024 bis Oktober 2025 absolvierte ich ein einjähriges postgraduiertes Praktikum im Rahmen von Erasmus+ in Bolivien. Die ersten beiden Monate verbrachte ich in einer Sprachschule, da ich zuvor keinerlei Spanischkenntnisse hatte. Anschließend arbeitete ich in der Organisation FASSIV in San Ignacio de Velasco sowie San Miguel de Velasco. Dort betreute ich hauptsächlich Kinder, aber auch erwachsene Patient:innen – sowohl ambulant als auch im Rahmen von Hausbesuchen.
Bei der Organisation meines Auslandsaufenthalts wurde ich von der Agentur Intersol mit Sitz in Salzburg unterstützt, wodurch viele organisatorische Schritte unkompliziert verliefen.
Am meisten beeindruckt hat mich die Arbeit mit den Kindern. Trotz struktureller Armut, eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung und oftmals schwierigen familiären Bedingungen begegneten mir viele Menschen mit einer bemerkenswerten Lebensfreude und Dankbarkeit. Erst nach einigen Monaten begann ich wirklich zu verstehen, welche Bedürfnisse die Menschen vor Ort tatsächlich haben – und dass diese sich grundlegend von jenen unterscheiden, die wir in Österreich gewohnt sind.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass wir nicht an denselben Zielen arbeiten können wie in einem europäischen Kontext. Wenn Bildung, medizinische Versorgung oder finanzielle Sicherheit nicht selbstverständlich sind, verändern sich auch therapeutische Zielsetzungen. Physiotherapie bedeutet dort häufig nicht Leistungssteigerung oder Optimierung, sondern Teilhabe, Selbstständigkeit im Alltag und Lebensqualität unter ganz anderen Voraussetzungen.
Meine Erwartungen wurden weit übertroffen – rückblickend war dieses Jahr eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich habe fachlich enorm viel gelernt, aber vor allem auch menschlich. Die unterschiedlichen Perspektiven auf Gesundheit und Leben haben meine Arbeitsweise nachhaltig verändert. Noch heute denke ich fast täglich an diese Zeit zurück.
Für meinen weiteren beruflichen Weg nehme ich mit, dass Physiotherapie weit mehr ist als eine rein körperliche Behandlung. Sie ist immer eingebettet in soziale, kulturelle und gesellschaftliche Strukturen. Die Arbeit im Ausland hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, über den eigenen Kontext hinauszublicken – sowohl für die Menschen vor Ort als auch für die eigene persönliche und berufliche Entwicklung.
Langfristig möchte ich meine berufliche Laufbahn weiter in diese Richtung entwickeln und – wenn sich die Möglichkeit ergibt – erneut international tätig sein.