Klimaschutz sozial gerecht gestalten: Soziale Arbeit als wichtige Partnerin
Expert:innen-Dialog zur Klimagerechtigkeit: Maria Zlanabitnig und Willy Loseries (Land Steiermark), Karen Meixner (FH JOANNEUM), Andrea Gössinger-Wieser und Cornelia Wackerle (Land Steiermark), Andrea Widmann (FH JOANNEUM) Fotocredit: FH JOANNEUM I Andrea Widmann
Wie lassen sich ökologische und soziale Aspekte von Klimaschutz verbinden?
Dieser Frage widmeten sich im Oktober 2026 Vertreterinnen des Instituts Soziale Arbeit der FH JOANNEUM bei einem Expert:innen-Dialog mit Andrea Gössinger-Wieser, der Klimaschutzkoordinatorin des Landes Steiermark und Leiterin des Referats Klimaschutz, und ihrem Team. Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen der Klimakrise auf sozial benachteiligte Menschen und die Frage, welchen Beitrag Soziale Arbeit zu Klimaschutz und Klimawandelanpassung leisten kann.
Klimawandelanpassung erreicht Menschen über soziale Netzwerke
Andrea Widmann stellte die Ergebnisse einer Masterarbeit von Lisa Diethard (2025) vor. Die Studie untersuchte die Belastungen armutsbetroffener Menschen, älterer und alleinlebender Senior sowie chronisch kranker Personen. Dafür wurden Fachkräfte der niederschwelligen Sozialarbeit, Vertreter aus Stadt- und Bezirkspolitik sowie Wissenschaftler:innen interviewt.
Die Ergebnisse zeigen: Informationen zu Hitzeschutz und Klimawandelanpassung erreichen besonders gefährdete Menschen häufig am besten durch persönliche Kontakte und aufsuchende Angebote. Mobile Sozialarbeit und Gemeinwesenarbeit können dazu beitragen, isolierte oder körperlich und psychisch belastete Personen zu erreichen. Auch Ehrenamtliche sind wichtige Ansprechpersonen in den Bezirken.
Sozialraumanalysen helfen dabei, vorhandene Ressourcen zu erkennen und nutzbar zu machen. So können soziale Einrichtungen beispielsweise als kühle Schutzräume dienen, Entlastung bieten und Begegnung ermöglichen. Wichtig ist zudem, betroffene Menschen frühzeitig in die Entwicklung geeigneter Maßnahmen einzubeziehen.
Klimakrise als soziale Frage verstehen
Auch das Forschungsprojekt The Social Work Practitioner Role: Connecting with Environmental Justice von Geraldine Graham, Iris Altenberger und Karen Meixner zeigt die Bedeutung der Sozialen Arbeit. Sozialarbeiter:innen in Graz und Nordostschottland wurden zu ihrer Wahrnehmung der Klimakrise befragt, welche Auswirkungen sie in ihrer Praxis beobachten und welche Handlungsmöglichkeiten sie für die eigene Profession sehen.
Die Befragten erleben die Klimakrise als soziale Frage: Besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen sind häufig stark von ihren Folgen betroffen, obwohl sie vergleichsweise wenig zu den Ursachen beitragen. Als zentrale Herausforderungen nannten sie unter anderem prekäre Wohnverhältnisse, Energie- und Ernährungsarmut, Extremwetterereignisse sowie psychische Belastungen und Zukunftsängste.
Karen Meixner hob deshalb den Bedarf an einschlägigen Informationen und Weiterbildung hervor. Die Befragten betonten außerdem, dass individuelles Verhalten allein nicht ausreicht: Notwendig sind auch politische und strukturelle Veränderungen.
Wie eng Klimaschutz und soziale Verteilungsgerechtigkeit zusammenhängen, zeigte auch das 30. Steirische Klima- und Energieforum im Oktober 2026, so der Bericht von Andrea Gössinger-Wieser. Unter dem Titel „Energie muss leistbar sein“ wurden Perspektiven für eine gerechte Energiewende diskutiert. Zur Nachlese des Klima- und Energieforums
Von Hitzeschutz bis Katastrophenvorsorge: regionale Initiativen
Wie Klimawandelanpassung konkret umgesetzt werden kann, zeigen mehrere Initiativen des Landes Steiermark.
Cornelia Wackerle aus der Klimaschutzkoordination stellte ein Pilotprojekt zum Hitzeschutz in elementaren Bildungseinrichtungen vor. Es verbindet drei Bereiche: Workshops und Materialien für Kinder und Pädagog:innen sowie die Einbindung der Eltern; standortbezogene Energie- und Hitzeschutzberatung mit Temperaturmessungen und Empfehlungen etwa zu Beschattung, Lüftung und Begrünung; sowie die Anpassung von Abläufen im Alltag, beispielsweise bei Ernährung, Arbeitszeiten und Tagesgestaltung. Dieses Vorgehen lässt sich auch auf Einrichtungen der Sozialen Arbeit übertragen: mit Hitzeschutzmaßnahmen für Klient:innen und Fachkräfte, einer standortbezogenen Anpassung der Gebäude und Außenbereiche sowie einer hitzegerechten Gestaltung der Tagesabläufe und Betreuungsangebote.
Willy Loseries, ebenfalls Mitarbeiter der Abteilung 15 – Energie, Wohnbau, Technik des Landes Steiermark, betonte die Bedeutung der Sozialen Arbeit auch für die Katastrophenvorsorge. Bei Hochwasser, Stromausfällen und anderen Naturgefahren sind Menschen in prekären Lebenslagen oder mit eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten oft besonders gefährdet. Der Naturgefahrencheck für Gemeinden unterstützt dabei, lokale Risiken zu erkennen und Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln. Die Perspektive der Sozialen Arbeit kann helfen, die Situation besonders gefährdeter Menschen dabei systematisch mitzudenken.
Auch auf Ebene von Nachbarschaften und Vereinen entstehen Möglichkeiten, gemeinsam aktiv zu werden. Das Projekt GEMMA KLIMA! unterstützt unter anderem Kulturvereine, Sportclubs, Freiwillige Feuerwehren, Nachbarschaften und Senior:innengruppen dabei, Klimaschutz im Alltag umzusetzen. Das Projekt beruht auf dem FFG-Förderprojekt GEMMA K!, das von der Stadt Graz koordiniert und gemeinsam mit den Städten Judenburg und Weiz, dem Land Steiermark, der Energie Agentur Steiermark, StadtLABOR, der Universität Graz und der FH JOANNEUM getragen ist. Thomas Wolkinger ist für die FH JOANNEUM am Projekt beteiligt. Der Ansatz zeigt, wie bestehende soziale Netzwerke genutzt werden können, um Menschen zu erreichen und gemeinsames Handeln zu fördern. Mehr zu GEMMA KLIMA! an der FH JOANNEUM
Internationale Zusammenarbeit für den Schutz vulnerabler Gruppen
Über regionale Aktivitäten hinaus wurden internationale Projekte zur Klimawandelanpassung vorgestellt. Maria Zlanabitnig gab Einblick in das Interreg-Projekt ClimRisk, das das Klimawandel-Risikomanagement in grenznahen Regionen weiterentwickelt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Berücksichtigung vulnerabler Gruppen.
Das Projekt STARK – Steiermark für Anpassung, Resilienz und Klimaregionalität widmet sich im Rahmen des EU Programms Pathways2Resilience ebenfalls der Stärkung regionaler Anpassungsfähigkeit. Solche Initiativen bieten Anknüpfungspunkte, um soziale Aspekte bei der Planung und Umsetzung von Klimawandelanpassung systematisch zu berücksichtigen.
Gemeinsam an sozial gerechten Lösungen arbeiten
Der Austausch machte deutlich, dass die Expertise der Sozialen Arbeit für Klimapolitik und kommunale Klimawandelanpassung einen wichtigen Mehrwert bietet. Sozialarbeiter:innen kennen die Lebenslagen benachteiligter Menschen, wissen um bestehende Unterstützungsstrukturen und können auf mögliche soziale Nebenwirkungen von Maßnahmen aufmerksam machen.
Daraus ergeben sich konkrete Ansatzpunkte für die weitere Zusammenarbeit: soziale Einrichtungen frühzeitig in Planungsprozesse einbeziehen, den Austausch zwischen Klima- und Sozialbereich stärken und Maßnahmen gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickeln. So können Klimaschutz und Klimawandelanpassung wirksamer werden.
Expert:innen-Dialog zur Klimagerechtigkeit:
Maria Zlanabitnig und Willy Loseries (Land Steiermark), Karen Meixner (FH JOANNEUM), Andrea Gössinger-Wieser und Cornelia Wackerle (Land Steiermark), Andrea Widmann (FH JOANNEUM)
Fotocredits FH JOANNEUM I Andrea Widmann