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Projekt

Morde in Österreich

Langzeitdaten zeigen deutlichen Rückgang – unterschiedliche Tatorte und Tötungsweisen bei Frauen und Männern

Foto: Gewaltschutzzentrum

Neue Langzeitanalyse 1970–2024 auf Basis der amtlichen Todesursachenstatistik (TUS) versachlicht die Debatte: Mordraten sind langfristig gesunken; Frauen sterben häufiger im häuslichen Umfeld, Männer eher im öffentlichen Raum. Österreich liegt international im Niedrigrisikobereich.

Die Kernaussagen der Studie:

  • Langfristiger Rückgang: Seit den 1970er Jahren hat sich die Mordsterblichkeit deutlich verringert. Die Mordrate lag in den 1970ern bei rund 2,0 pro 100.000, heute im Bereich 0,5–1,0. Jahre mit über 120 Mordopfern (1975, 1983, 1984, 1990) sind Geschichte; seit 2006 werden pro Jahr unter 60 Tötungen registriert (TUS). Die Jahre 2012–2014 sowie 2020–2022 lagen unter 40 Fällen. (Abbildung 15; Abschnitt 6.4).
  • Aktueller Korridor: In den letzten 20 Jahren zeigt sich ein „Zahlenkorridor“ von 33–60 Tötungen pro Jahr; Ø 49 Fälle jährlich (2002–2024).
  • Geschlecht & Tatort: Zwei Drittel der getöteten Frauen sterben zu Hause; bei Männern ist es rund ein Drittel, zwei Drittel der Männer sterben an anderen, öffentlichen Orten (Abbildungen 25–26).
  • Tötungsweisen: Strangulation/Ersticken macht 18,2 % der weiblichen Mordopfer aus, bei Männern 7,1 % (2002–2024). Messer/Schusswaffen betreffen beide Geschlechter, aber mit unterschiedlichen Ort Profilen.
  • Altersmuster: Über 65 Jährige Frauen sind überproportional betroffen; bei Kindern <5 Jahren gibt es im Längsschnitt klare Vulnerabilitätsspitzen für Buben (Abbildung 26; Abschnitt 7.4).
  • Registrierung vs. Anzeigen: Die TUS zählt vollendete Tötungen auf Basis der in der Todesursachenstatistik erfassten aufgrund von „Mord, tätlichem Angriff“ verstorbenen Personen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist im Grunde eine Anzeigestatistik; die Zahlen liegen deshalb über jenen der TUS. Für 2022 meldet der Kriminalitätsbericht 191 Anzeigen (davon 133 Versuche) – 58 mutmaßliche vollendete Morde; die Aufklärungsquote lag 2019 bei 97,5 %, 2022 bei 93,7 % (Abbildung 35).
  • Interpretation: Der Rückgang vollendeter Morde bedeutet nicht weniger Gewalttaten. Verbesserte Notfallmedizin und schnellere Hilfe (Mobiltelefone) retten wahrscheinlicher Leben; versuchte Morde könnten stabil oder höher liegen – erste Auswertungen geben hier in einem Ausblick in der Studie Hinweise, jedenfalls besteht hierzu weiterer Forschungsbedarf.
  • Aus Sicht der Thanatosoziologie und Thanatopolitik ist Mordstatistik nicht bloß Messung, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung darüber, welche gewaltsamen Tode sichtbar werden, wie sie benannt und geregelt werden – und damit auch, wo Prävention politisch Priorität erhält. Am Vergleich von Fremdtötungen und Selbsttötungen auf Basis der vorliegenden Todesursachenstatistik wird dies sichtbar.

Einordnung im internationalen Vergleich

Österreich gehört seit Jahrzehnten zu den Niedrigrisikoländern der Mordsterblichkeit. Global zeigt sich ein Rückgang der Homicide Raten; zugleich gilt: Morde an Frauen werden häufiger zuhause ausgeübt als an anderen Orten sowie in Beziehungen. Die Befunde sprechen dafür, in den meisten Fällen von Intimiziden – Beziehungsmorden – ausgehen zu können.

Methodik (transparent & robust)

Die Studie analysiert die Todesursache „Mord, tätlicher Angriff“ (ICD 10 X85–Y09, Y87.1) in der Todesursachenstatistik von Statistik Austria. Sie betrachtet Sterbefälle (nicht strafrechtliche Delikte) und vermeidet so Verzerrungen durch Anzeigeverhalten oder juristische Bewertungen. Ergänzend wurden PKS Jahresreihen 2017–2024 und für ausgewählte Detailanalysen Landesdaten (Steiermark) herangezogen; Unterschiede TUS/PKS werden offen diskutiert (Kap. 5–9; Abbildungen 15, 25–26, 35).

Implikationen für Prävention & Politik sowie Forschung

  • Schutz und Frühintervention im partnerschaftlichen/häuslichen Kontext priorisieren.
  • Daten Triangulation (TUS/PKS/Justizdaten) institutionalisieren, inkl. Opfer Täter Beziehungsvariablen.
  • Forensik/Obduktion stärken; Qualitätsstandards in der Todesursachenfeststellung sichern.

Publikation

Loidl, Rainer (2025): Morde in Österreich. Eine soziologische Untersuchung auf Basis einer statistischen Analyse der Todesursache „Mord“ im Zeitvergleich 1970–2024. FH JOANNEUM Verlag (DOI: 10.60588/2241-5v52).

 

 

Foto: Gewaltschutzzentrum

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