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Wöchentlicher Börsenbrief #132

Dr. Josef Obergantschnig, 12. Februar 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Alphabet 2126. Und Europa im Jahr 2026.

Diese Woche war ich wieder einmal in Wien. Zwischen zwei Terminen blieb eine halbe Stunde, in der ich durch die Innenstadt zum nächsten Termin schlenderte. Es war früher Nachmittag. Die Gassen ruhig, die Schaufenster glänzend, die Cafés gut gefüllt. Auffällig war aber etwas anderes. Mir begegneten kaum junge Gesichter. Viele Silver-Ager, die genussvoll durch die Stadt schlenderten, Zeit hatten, schauten, plauderten. Der Espresso bei meinem Lieblingsitaliener wartete wie immer zuverlässig. Serviert von einem Mann in den Sechzigern, der das Café gemeinsam mit seiner Frau führt. Anscheinend werden wir immer älter. Aber ist das repräsentativ? Oder sieht man einfach nur das, was man gerade sehen will.

 

Bei meiner Lektüre stolpere ich über eine interessante Analyse der Statistik Austria. Erstmals gibt es in Österreich mehr Menschen im Pensionsalter als unter 20-Jährige. Die Gruppe der über 64-Jährigen wächst bis 2050 weiter stark. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Jungen. Und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter hat ihren Höchststand bereits erreicht. Das bedeutet, dass das Verhältnis zwischen jenen, die einzahlen, und jenen, die Leistungen beziehen, spürbar kippt. Das ist keine Schlagzeile, die morgen verschwindet. Diese Verschiebung wird uns die nächsten Jahre und Jahrzehnte begleiten. Ausgaben für Pensionen, Gesundheit oder Pflege wachsen mit der Altersstruktur. Wenn mehr Menschen Leistungen beziehen und relativ weniger einzahlen, wird das Budget dadurch weniger beweglich. Und in Kombination mit einer bereits hohen Staatsverschuldung wird jeder zusätzliche Prozentpunkt bei den Finanzierungskosten schnell relevant.

 

Wie schaut es eigentlich mit der Bonität, also der Kreditwürdigkeit, aus? Österreich wird von S&P mit AA+ bewertet. Das Rating wurde erst vor wenigen Tagen bestätigt. Das ist gut. Es bedeutet Vertrauen in die Institutionen, die Stabilität und die Zahlungsfähigkeit Österreichs. Gleichzeitig verweisen Ratingagenturen auf schwaches Wachstum, steigende Zinslast und demografiebedingte Ausgaben. Wenn sich das Rating verschlechtert, werden Investoren von Österreich höhere Zinsen für Kredite oder Anleihen verlangen. Steigende Zinsen belasten wiederum das Budget. Nicht sofort, aber mit jeder neu aufgenommenen Finanzierung. Höhere Zinskosten engen Spielräume ein. Und engere Spielräume machen es schwieriger, gegenzusteuern und zugleich Geld für nötige Infrastrukturausgaben oder eine Verbesserung des Lebens- und Wirtschaftsstandorts aufzubringen. Damit steht Österreich nicht alleine da. Ganz Europa kämpft mit ähnlichen Grundlinien.

 

Vielleicht erklärt das für mich auch, warum die Europäische Zentralbank in einer an die EU-Spitzen übermittelten „Checkliste“ ungewohnt deutlich Reformen einfordert. Kapitalmarktunion, effizientere Entscheidungsprozesse, Innovationspolitik. Und ein Altersvorsorgedepot für alle Bürger. Das sind nachvollziehbare und gute Empfehlungen. Nehmen wir zum Beispiel das Altersvorsorgedepot. Ein kluges und langfristiges Investment über mehrere Jahrzehnte kann helfen, Vorsorgelücken zu schließen und den Druck auf das Umlagesystem abzufedern. Der Kapitalmarkt ist kein Zauberstab, aber er ist ein brauchbares Instrument, wenn man ihn breit, kostengünstig und diszipliniert nutzt.

 

Auch die Google-Mutter Alphabet weist wie Österreich ein AA+ Rating auf. Es gibt mittlerweile nur mehr 11 Staaten, die von S&P mit der Höchstnote AAA bewertet werden. Alphabet nutzt die gute Bonität und will eine 100-jährige Anleihe herausbringen. Das bedeutet, dass Investoren dem Konzern ihr Geld bis zum Jahr 2126 leihen. Der Grund für die Finanzierung ist klar. KI kostet Geld. Es gilt Rechenzentren zu bauen, Infrastruktur herzustellen und in Innovation zu investieren, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das lassen sich die Techgiganten viele Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Klar ist aber auch, dass lange Laufzeiten ein großes Risiko mit sich bringen. In 100 Jahren kann viel passieren. Wer weiß, ob es Alphabet dann überhaupt noch gibt. Und auch das Zinsänderungsrisiko ist beträchtlich.

 

Das sieht man beispielsweise an der 100-jährigen österreichischen Bundesanleihe, die im Jahr 2120 getilgt wird. Der Kupon, also die laufende Zinszahlung, wurde in der Niedrigzinsphase im Jahr 2020 mit 0,85 % festgelegt. Für Österreich war das eine sehr günstige Finanzierung, die nun viele Jahrzehnte kaum Zinsen kostet. Für Investor:innen ist die Anleihe durch den Zinsanstieg der letzten Jahre weniger attraktiv. Wer ist heute noch mit 0,85 % zufrieden? Dadurch ist der Kurs der Anleihe deutlich gefallen und liegt bei rund 30. Wer damals zu 100 gekauft hat und heute verkaufen müsste, hätte einen Marktwertverlust von rund 70 %. Das ist die Kehrseite extrem langer Laufzeiten. Kleine Zinsbewegungen haben große Wirkung auf den Preis.

 

Eine weitere Schlagzeile erregt meine Aufmerksamkeit. Der BaFin-Chef Mark Branson hat kürzlich mit der Aussage „Wenn es so weitergeht, dann wird es irgendwann knallen“ für Aufsehen gesorgt. Das bringt mich zum Nachdenken.

 

Die Rolle einer Finanzmarktaufsicht ist für mich im Kern klar definiert. Sie soll Institute beaufsichtigen, Solvenz und Liquidität überwachen, Marktmissbrauch bekämpfen, Verbraucher schützen und zur Stabilität des Finanzsystems beitragen. Risikokommunikation gehört selbstverständlich dazu. Verwundbarkeiten sichtbar zu machen, bevor sie in Stressphasen schlagend werden, ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

 

Und doch bleibt bei mir eine Frage offen. Wird hier ein möglicher Börsencrash angedeutet? Oder geht es darum, auf strukturelle Risiken hinzuweisen, die sich im Hintergrund aufbauen? An den Finanzmärkten zählen Stabilität und Verlässlichkeit. Denn genau daraus entsteht das nötige Vertrauen.

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