Stadtentwicklung für Alle: Interdisziplinäres Dialogforum
Wie kann Stadtentwicklung gestaltet werden, damit der öffentliche Raum für möglichst viele Menschen zugänglich und nutzbar ist? Dieser Frage widmete sich im September 2026 ein interdisziplinäres Dialogforum, organisiert von Andrea Widmann und Heimo Hirschmann vom Institut Soziale Arbeit in Kooperation mit Tanja Psonder und Jan Werner vom Institut Architektur und Bauingenieurwesen.
Expert:innen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich und Lehrende der FH JOANNEUM diskutierten diese Frage mit Vertreter:innen der Initiative Grazer Mitte. Die Grazer Mitte ist eine zivilgesellschaftliche Gruppierung, die sich seit März 2026 für Verkehrsberuhigung, mehr Sicherheit und Belebung der Grazer Inneren Bezirke einsetzt.
Im Mittelpunkt des Dialogforums standen die Perspektiven von Menschen, deren Bedürfnisse in der Stadtplanung häufig weniger sichtbar sind. Vertreter:innen von Arbeiterkammer Steiermark, Caritas, Krankenhaus der Elisabethinen, LOGO Mobile Jugendarbeit, pro humanis, Nachbarschaftszentrum Gries, Vinzi sowie dem Armutsnetzwerk Steiermark brachten ihre Erfahrungen ein.
Erreichbarkeit der Innenstadt und nachhaltige Mobilität
Tristan Schachner stellte das Verkehrskonzept der Stadt Gent und die Initiative GRAZER MITTE vor. Er präsentierte, wie eine Begrenzung des Durchzugsverkehrs in den Inneren Bezirken die Nutzung des öffentlichen Raums verändern könnte. Die Straßen könnten von Fußgänger:innen, Radfahrenden, Autos und Scootern konfliktärmer genutzt werden. Ein Parkleitsystem führt Autofahrer:innen direkt zu freien Parkplätzen. Die Verbindungen des öffentlichen Verkehrs könnten noch schneller und pünktlicher sein.
Die Diskussion knüpft an den Mobilitätsplan Graz 2040 an. Dieser sieht unter anderem vor, Wohnviertel vom Durchzugsverkehr zu entlasten und gleichzeitig die Erreichbarkeit für Anrainer:innen sicherzustellen.
Positive Wirkung auf vielen Ebenen
Auch die Auswirkungen auf Wirtschaftstreibende wurden thematisiert. Paul Raith von der TU Graz verwies auf die Erfahrungen aus Gent. Dort habe die Umstellung des Verkehrskonzepts zu einem Umsatzplus von 14 % geführt. Die Grazer Innenstadt könnte also attraktiver für Einkäufe und Freizeit werden.
Karolina Kastenhuber präsentierte eine Studie zur Gesundheitsfolgenabschätzung der Grazer Mitte. In zahlreichen Bereichen sind demnach positive Folgen zu erwarten – unter anderem bei Umweltfaktoren wie Lärm, Luftqualität und Hitze, beim Zugang zu öffentlichen Freiräumen sowie bei der Erreichbarkeit sozialer Infrastruktur.
Vulnerable Zielgruppen im öffentlichen Raum mitdenken
Was ist bei inklusiver Stadtentwicklung aus Sicht unterschiedlicher Nutzer:innengruppen besonders zu berücksichtigen? Mit Blick auf wohnungslose und armutsbetroffene Menschen, Menschen mit Suchterkrankungen, Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Patient:innen von Krankenhäusern in den Inneren Bezirken brachten die Teilnehmer unter anderem folgende Aspekte ein:
- Betroffene frühzeitig einbeziehen: Stadtentwicklungskonzepte sollten mit Menschen diskutiert werden, die von Armut, Wohnungslosigkeit oder Armutsmigration betroffen sind.
- Verständliche Information: Informationen zu Veränderungen im öffentlichen Raum sollten in einfacher und verständlicher Sprache zugänglich sein.
- Konsumfreie Orte schaffen: Für Jugendliche braucht es öffentliche Räume, die auch ohne Konsumzwang genutzt werden können.
Der interdisziplinäre Austausch zeigte, wie wichtig es ist, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen in die Entwicklung des öffentlichen Raums einzubeziehen.
Mehr Informationen zur Grazer Mitte finden Sie auf der Website GRAZER MITTE. Die Initiative wurde am 17.9.2026 mit dem VCÖ Mobilitätspreis Österreich ausgezeichnet.
Foto: FH JOANNEUM
Teilnehmer:innen des Dialogforums: Günter Bruchmann, Heimo Hirschmann, Birgit Eisenpass-Fabian, Tristan Schachner, Jan Werner, Harald Ploder, Karolina Kastenhuber, Ingo Sommer (nicht im Bild)
Fotocredits FH JOANNEUM I Andrea Widmann
Teilnehmer:innen des Dialogforums: Stefan Schatz, Tanja Psonder, Paul Raith, Lea Lederer, Tabitha Epp, Jan Werner, Marlene Jaku, Günter Bruchmann, Carina Batek-Stipacek, Tristan Schachner
Fotocredits FH JOANNEUM I Andrea Widmann
Teilnehmer:innen Dialogforum Stadtentwicklung für ALLE
Fotocredits FH JOANNEUM I Andrea Widmann