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Gegenwind an der Zapfsäule, Rückenwind an der Börse
Im Oktober war ich mit internationalen Investmenthäusern wieder auf Österreich-Tournee. 6 Städte, lange Zugfahrten und viele Fragen, die die Menschen bewegen. Gerade beim Espresso in den Pausen oder nach der Veranstaltung entstehen spannende Gespräche. Und natürlich geht es dabei auch darum, dass 2026 ganz anders verlaufen ist, als viele von uns das zu Jahresbeginn erwartet haben.
Das bestimmende Thema war der Ölpreis. Mit dem Krieg im Iran ist die Straße von Hormus, eine Schlagader der globalen Energieversorgung, ins Stocken geraten. An der Zapfsäule wird das unmittelbar sichtbar. Rund um den Jahreswechsel kostete ein Liter Diesel im österreichischen Durchschnitt 1,47 Euro, Mitte Oktober sind es bereits 2,15 Euro. Im Verbraucherpreisindex, der die Gesamtinflation misst, machen Treibstoffe knapp 3 % aus. Im Miniwarenkorb, der die Preisentwicklung des typischen wöchentlichen Einkaufs abbildet, sind es knapp 15 %, also rund fünfmal so viel. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass viele Menschen die Teuerung wesentlich stärker spüren. Die Inflation liegt mit 3,6 % deutlich über dem EZB-Zielwert. Treiber des jüngsten Anstiegs ist bei uns in Europa ein exogener Angebotsschock und nicht eine gute Konjunkturdynamik.
Für die Notenbanken ist das eine Zwickmühle. Zinserhöhungen bremsen zwar die Inflation, würgen aber auch den ohnehin schwachen Konjunkturmotor ab. Trotzdem haben die EZB und die US-Notenbank die Zinsen angehoben. Pikant ist das vor allem in den USA. Donald Trump will unbedingt niedrige Zinsen und hat mit Kevin Warsh einen neuen Notenbankpräsidenten ins Amt geholt. Dessen erste Zinsänderung war aber eine Erhöhung. Und das bei einem gigantischen Schuldenberg, der im Sommer erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten hat. Jeder Zinsschritt belastet das Budget, und das wiederum wird dem lieben Donald vermutlich so gar nicht gefallen.
Hohe Energiekosten und die Konkurrenz aus China setzen vor allem der Industrie zu. Die Musik spielt woanders: Nordamerika und vor allem Asien sind der Motor der Weltkonjunktur, Europa hechelt hinterher.
Und trotz der Turbulenzen und der geopolitischen Ereignisse ist es unterm Strich ein positives Börsenjahr. Getragen wurde es vor allem von den Technologie- und KI-Unternehmen. Sie standen im Rampenlicht und haben auch geliefert: Umsätze und Gewinne sind kräftig gestiegen. Gold hingegen, im Jänner noch auf Rekordjagd, notiert heute auf Dollarbasis rund ein Viertel unter seinem Höchststand. Und eines freut mich besonders: Der ATX gehört heuer zu den Besten der Zunft und hat den deutschen Leitindex klar hinter sich gelassen. Wer braucht schon die Wall Street, wenn man die Wallnerstraße vor der Haustüre hat?
2026 hat uns wieder einmal vor Augen geführt: Auch bei negativer Nachrichtenlage kann die Börse liefern. Hier wird die Zukunft gehandelt und nicht die Gegenwart. Und die Gewinner kennt man meist erst im Nachhinein. Zu Jahresbeginn hätte wohl kaum jemand auf Tokio, Seoul oder auch Wien gesetzt. Ein breit gestreutes Portfolio musste die Gewinner nicht kennen, es hatte sie automatisch dabei.
Für mich ist bereits klar: 2027 wird anders, als wir heute erwarten. Das ist aber kein Grund, nicht investiert zu bleiben. Wichtig ist, breit zu streuen und das eigene Risiko im Griff zu haben.