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KI oder Schweizer Schoki unter dem Weihnachtsbaum
Die Herbstferien sind vorbei, und am Börsenparkett geht das muntere Treiben weiter. Diese Woche waren die Nächte kurz. In den USA standen die sogenannten Midterms auf dem Programm, bei denen die Karten neu gemischt werden. Für einen Präsidenten ist das vermutlich auch irgendwie ein Tag der Abrechnung. In der Nacht auf Mittwoch haben die Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA beide Kammern des Kongresses gewonnen. Unter anderem ging der Senatssitz in Texas erstmals seit fast vier Jahrzehnten an die Demokraten. Ab Jänner entscheidet damit ein Kongress der anderen Partei über Haushalt und Gesetze, der Präsident wird für den Rest seiner Amtszeit zur „Lame Duck“, zur lahmen Ente. Und das dürfte vermutlich schwer am Ego von Donald Trump kratzen. Die Börse reagierte in der Nacht nervös. Die Futures auf den Nasdaq 100 fielen deutlich, der Nikkei verlor rund 3 % und erreichte ein Fünfmonatstief. Das war aber nur ein kurzes Zwischentief, bereits am Vormittag drehte die Stimmung, und der DAX schloss deutlich höher, nahe an seinem Rekordhoch. Wieder einmal ein Beleg für die alte Börsenweisheit: Politische Börsen haben kurze Beine.
Wer in Washington das Sagen hat, ist seit dieser Nacht neu verteilt. Erwartet wird auch, dass der Machtwechsel eine strengere Regulierung der Künstlichen Intelligenz bringt. Und das wiederum trübt die Stimmung bei den Techkonzernen. Bei Anthropic, dem Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, steht der Börsengang unmittelbar bevor. Schauen wir uns einmal die Rahmenbedingungen an. Die sieben Mitgründer behalten über eine einzige Aktie der Klasse F 50,1 % der Stimmrechte. Neuaktionärinnen und Neuaktionäre sind zwar am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt, haben am Ende des Tages aber nur ein stark eingeschränktes Mitspracherecht. Und billig wird das Unternehmen auch nicht sein. Im Gespräch ist eine Bewertung von 1,5 bis 2 Bio. US-Dollar. Und was bekommt man dafür? Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr zwar im ersten Halbjahr deutlich von 1,2 Mrd. auf 16,3 Mrd. US-Dollar. Aber dennoch muss man tief in die Tasche greifen und um die 50 Dollar auf den Tisch legen, um einen Dollar Umsatz zu bekommen. Und Umsatz ist bekanntlich auch nicht Gewinn. Unter dem Strich steht ein Halbjahresverlust von 80,7 Mrd. US-Dollar, gut 72 Mrd. davon sind Bewertungseffekte ohne Mittelabfluss. Die Parallelen zum SpaceX-Börsengang im Juni sind unübersehbar. Wer zeichnet, kauft die Hoffnung auf eine „goldene“ KI-Zukunft mit sprudelnden Gewinnen. Ob das auch bei den anstehenden Milliarden-Investitionen so aufgehen wird, bleibt abzuwarten. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass 2026 als Mega-IPO-Jahr in die Geschichte eingehen dürfte, in dem die Tech-Multis noch einmal richtig Kasse gemacht haben.
Bei uns in Europa hat sich auch einiges getan. Wir erleben das Comeback der Inflation, die im Oktober wieder auf 4 % und damit auf den höchsten Wert seit drei Jahren gestiegen ist. Ein wesentlicher Treiber sind wenig verwunderlich die Energiepreise, die im letzten Jahr um fast 21 % gestiegen sind. Die Inflation ist auch eine Kernkennzahl der Europäischen Zentralbank. Aber auch abseits davon geht es im EZB-Tower dieser Tage turbulent zu. Präsidentin Christine Lagarde verlässt die Notenbank am 7. Februar 2027 und damit knapp neun Monate vor dem offiziellen Ende ihrer Amtszeit. Die potenziellen Nachfolger stehen schon ante portas und versuchen, sich in Position zu bringen. Ich bin schon gespannt, ob die „signalisierte“ Zinserhöhung im Dezember über die Bühne gehen wird. Fest steht auch, dass die Nachfolgerin oder der Nachfolger der lieben Christine große Herausforderungen zu bewältigen hat. Hohe Schulden, steigende Inflationsraten und ein seit Jahren vor sich hin stotternder Konjunkturmotor sind ein gefährlicher Mix. Und es bedarf viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, den europäischen Tanker durch die raue See zu steuern.
Jetzt sind es nur mehr wenige Wochen bis Weihnachten und die Zeit der Geschenke. In meinem Urlaub habe ich einen historischen Roman über den Ursprung von Lindt & Sprüngli, dem Schweizer Schokoladen-Giganten gelesen. Das Unternehmen gibt es auch heute noch und wird aktuell mit rund 20 Mrd. Schweizer Franken an der Börse bewertet. Das hätte der Patron und „Gründervater“ damals in seinen Anfängen in den 1830er Jahren in Zürich vermutlich nie erwartet. Spannend finde ich auch, dass das Unternehmen den Aktionärinnen und Aktionären ein „Geschenk“ macht. Wer zur Generalversammlung kommt oder eine Vollmacht erteilt, erhält einen Koffer mit rund 30 Produkten und gut 3,5 Kilogramm Inhalt, versandt wird dieser allerdings nur innerhalb der Schweiz. Das Unternehmen ist in den letzten Monaten aber auch durchaus in Turbulenzen geraten. Der Aktienkurs ist stark gesunken, der CEO musste gehen und irgendwie scheint alles im Umbruch.
Vielleicht sollte auch ich mir die Frage stellen, ob ich mir eine Aktie von Anthropic oder eine Aktie von Lindt & Sprüngli unter den Weihnachtsbaum legen sollte. Auf der einen Seite steht Europa für Tradition und auch für die Herausforderung, alteingesessene Unternehmen in die Zukunft zu führen. Auf der anderen Seite haben die USA die Zukunft bereits im Blick, aber ob Anthropic auch wirklich knapp zwei Jahrhunderte überlebt, wage ich nicht zu prognostizieren. Eines ist aber fix: Jetzt gönne ich mir noch einen Espresso.