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Unsicherheit als Konstante
Der erste Espresso dieser Woche hat ungewöhnlich gut geschmeckt. Vielleicht, weil für viele der Normalbetrieb wieder begonnen hat. Auch für mich. Nach einer selbstauferlegten kurzen Abstinenz war er plötzlich wieder da, dieser vertraute Geschmack. Bitter, warm, klar. So wie die Fragen, die mit dem Arbeitsalltag zuverlässig zurückkehren.
Die Tour durch Österreich hat am Nachmittag in Graz begonnen, im Rahmen des e-fundresearch Fondsdialogs. In meiner Eröffnungskeynote waren die Reihen voll, die gespannte Aufmerksamkeit förmlich spürbar. Gemeinsam mit Monika Rosen und vier internationalen Investmenthäusern sind wir dieser Tage quer durchs Land unterwegs. Kaum war die erste Folie verschwunden, stand sie im Raum, diese eine Frage, die mich seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten begleitet: Erleben wir aktuell eine KI-Blase, eine Art Internet-Bubble 2.0, die nach einem steilen Anstieg in einen längeren Bärenmarkt mündet?
Spätabends ging es weiter nach Linz. Zug, Hotel und eine kurze Nacht. Am nächsten Morgen wieder Bühne, wieder Gespräche, wieder dieselbe Unsicherheit. Am Nachmittag Wien. Andere Stadt, aber die gleichen Fragen. Irgendwann verschwimmen die Orte ein wenig, doch das Grundgefühl bleibt erstaunlich konstant.
Diese Zeilen entstehen spätabends auf der Heimreise im Zug von Wien zurück nach Graz. Nach intensiven Tagen, vielen Keynotes, zahlreichen Einschätzungen und noch mehr Gesprächen mit Finanzexpert:innen. Vielleicht ist genau das der richtige Moment, alles noch einmal wirken zu lassen. Abstand zu gewinnen. Und die Dinge einzuordnen, bevor man sie bewertet.
Der Vergleich mit dem Jahr 2000 kommt nicht von ungefähr. Damals waren Erwartungen groß und Gewinne rar. Heute ist das Bild ein anderes. Viele der großen Unternehmen verdienen sehr viel Geld. Dahinter stehen reale Geschäftsmodelle, stabile Cashflows und hohe Margen. Das erklärt hohe Bewertungen. Es macht sie nachvollziehbar, aber nicht harmlos. Es werden in den nächsten Jahren aber auch noch viele Milliarden investiert werden und die Frage drängt sich auf, ob diese Investments sich auch in Gewinne ummünzen lassen. Substanz ersetzt keine Vorsicht, aber sie ist mehr als ein Hoffnungsschimmer.
Was mich auf dieser Tour mehr beschäftigt als die KI selbst, ist das Verhalten der Menschen. Viele kaufen nicht. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Unsicherheit. Sie warten auf Klarheit. Auf den Moment, in dem alles logisch, ruhig und berechenbar wirkt. Vielleicht ist nicht die Unsicherheit das eigentliche Problem, sondern der Wunsch, sie loszuwerden. Denn dieser Moment kommt weder im Bullenmarkt noch im Bärenmarkt.
Die erste Aktie habe ich 1998 gekauft. Jung, neugierig, mit großem Respekt vor der Börse. Seit damals begleitet mich ein Gefühl verlässlich: Unsicherheit. In Crashphasen laut und bedrückend. In Bärenmärkten zäh und lähmend. Bemerkenswert ist, dass diese Unsicherheit auch in Bullenmärkten nicht verschwindet. Sie wechselt lediglich die Seite. Dann heißt sie plötzlich: zu teuer, zu spät, zu riskant.
Unsicherheit ist kein Ausnahmezustand an den Kapitalmärkten. Sie ist ihr Normalzustand. Wer darauf wartet, dass sie verschwindet, wird nie investieren. Und wer nie investiert, verliert kein Geld im Crash. Das ist die scheinbar beruhigende Seite. Er lässt es davor liegen. Still, über Jahre, oft unbemerkt. Und am Ende folgt das böse Erwachen. Das ist keine provokante These, sondern eine Beobachtung aus vielen Jahren und unterschiedlichsten Marktphasen. Das größte Risiko ist daher nicht das Wertpapier selbst, sondern dauerhaft nicht investiert zu sein.
Zusätzliche Unruhe kommt derzeit aus der Politik. Der offene Druck von Donald Trump auf den Notenbankpräsidenten Jerome Powell ist mehr als ein persönlicher Machtkampf. Es geht um die Unabhängigkeit der Geldpolitik. Um Vertrauen. Und um die Frage, wie stabil ein System bleibt, wenn politische Interessen beginnen, an seinen Fundamenten zu sägen. Dass sich internationale Notenbankchefs demonstrativ hinter Powell stellen, ist ein starkes Signal. Unabhängige Notenbanken sind kein technokratischer Selbstzweck. Sie sind ein Schutzmechanismus. Für Preisstabilität, für Planungssicherheit und für langfristiges Denken. Ironischerweise gefährden Angriffe auf diese Unabhängigkeit oft genau jene Ziele, die sie kurzfristig erreichen sollen.
In diesem durchaus turbulenten Umfeld zeigen sich die Märkte erstaunlich gelassen. Die Inflationsdaten in den USA stabilisieren sich. Zinspausen rücken näher, erstmals seit Längerem werden auch Zinssenkungen wieder ernsthaft diskutiert. Aktienindizes markieren neue Höchststände. Die Börsen steigen, während die Sorgen wachsen. Es fühlt sich an wie ein Drahtseilakt über einer tiefen Schlucht.
In diesen Tagen hat auch der legendäre Investor Warren Buffett mit seinem Abschiedsinterview noch einmal leise, aber klar Bilanz gezogen. Er hat nichts Revolutionäres gesagt. Und genau darin lag seine Stärke. Sein Erfolgsrezept erscheint einfach: Geduldig bleiben. Investiert bleiben. Der Zinseszinseffekt kann schließlich nur dann wirken, wenn man ihm Zeit gibt. Diese Erkenntnis kann auch der jungen Investorenschar wertvolle Dienste erweisen.
Der Zug rollt weiter Richtung Graz. Der Espresso ist längst ausgetrunken. Geblieben ist die Erkenntnis, dass Investieren nie bequem war und es auch nie sein wird. Aber genau darin liegen Sinn und Charme der Börse. Geschenkt wird uns Investor:innen am glitschigen Börsenparkett bekanntlich nichts.