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Wöchentlicher Börsenbrief #129

Dr. Josef Obergantschnig, 22. Januar 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Das Ende des Safe-Haven-Rabatts?

Der Espresso war noch heiß, während ich durch die aktuellen Nachrichten scrolle. Ein Satz blieb hängen, noch bevor der erste Schluck wirkte. „Ich werde keine Gewalt anwenden.“ Dreimal gesagt, betont, fast schon beschwörend. Gesagt von Donald Trump, der diese Woche die große Bühne des World Economic Forum nutzte, um erneut gehörig umzurühren. Wenn jemand so klar formuliert, was er nicht tun wird, lohnt es sich, darüber nachzudenken, was stattdessen passiert.

 

Trump fordert sofortige Verhandlungen über Grönland. Nicht wegen Rohstoffen, sagt er, sondern aus strategischen Gründen. Europa sei undankbar, die USA trügen die Sicherheitslast und bekämen zu wenig zurück. Ein Nein, machte er unmissverständlich klar, werde man sich merken. Das klingt weniger nach Angebot als nach Warnung. Militärische Gewalt schließt er zum Glück aus. Ökonomischen Druck hingegen scheut er nicht. Die erneuten Zolldrohungen sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Ton wieder rauer wird.

 

Bis zum vergangenen Wochenende reagierten die Finanzmärkte erstaunlich gelassen. Fast schon routiniert. Diese Woche war es anders. Es wirkte, als wäre der Bogen überspannt worden. Viele Investor:innen nahmen Gewinne mit, reduzierten Risiko. Die Unsicherheit stieg, die Stimmung drehte – vor allem gegenüber US-Wertpapieren. Zu Wochenbeginn färbte sich die Kurstafel tiefrot, die Sorgenfalten wurden sichtbar tiefer. Vertrauen ist an den Finanzmärkten kein Gefühl. Man kann es an einer Zahl ablesen. Am Preis eines Wertpapiers.

 

Und genau hier liegt die Verwundbarkeit der USA. Jahr für Jahr müssen rund zwei Billionen US-Dollar am Anleihemarkt aufgenommen werden, allein zur Finanzierung des laufenden Budgets. Hinzu kommen umfangreiche Refinanzierungen bestehender Schulden. Die Laufzeiten sind kurz, viele Anleihen laufen aus und müssen neu begeben werden – inzwischen aber zu deutlich höheren Zinsen.

 

Schon kleine Bewegungen haben dabei große Wirkung. Ein Prozentpunkt mehr auf eine Gesamtverschuldung von rund 37 Billionen US-Dollar bedeutet zusätzliche Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe. Das ist keine Prognose, sondern schlichte Arithmetik. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der zunehmende Druck auf die US-Notenbank und ihren Präsidenten Jerome Powell. Das Ziel ist klar: niedrigere Zinsen, geringere Finanzierungskosten, Entlastung des Staatsbudgets. Geldpolitik wird damit zunehmend zur fiskalischen Notwendigkeit.

 

Fakt ist: Die USA brauchen Kapital. Und damit stellt sich eine unbequeme Frage. Wer finanziert eigentlich die US-Staatsanleihen? Ein erheblicher Teil der Gläubiger sitzt im Ausland. Genau hier liegt der eigentliche Hebel. China hat diesen Weg bereits eingeschlagen und seine Bestände in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Der Safe-Haven-Status der USA beginnt zu wackeln. Das zeigt sich auch am US-Dollar, der im vergangenen Jahr gegenüber dem Euro spürbar an Wert verloren hat. Der stark gestiegene Goldpreis untermauert diese Entwicklung.

 

Der Kapitalmarkt sitzt damit am Schalthebel der Macht. Niemand muss den Geldhahn abrupt zudrehen. Es reicht, den Preis anzuheben und höhere Renditen für das geborgte Geld zu verlangen. Die jüngsten Entwicklungen haben bereits Investor:innen veranlasst, US-Wertpapiere zu reduzieren oder vorsichtiger zu gewichten.

 

Ein dänischer Pensionsfonds hat das diese Woche exemplarisch vorgeführt. Der Verkauf von US-Staatsanleihen im Volumen von rund 100 Millionen Dollar ist für den Markt bedeutungslos. Symbolisch ist er es nicht. Er zeigt, wie politische Spannungen in nüchterne Allokationsentscheidungen übersetzen. Nicht als Boykott, sondern als Anpassung. Parallel dazu läuft eine zweite Debatte. Auf den ersten Blick innenpolitisch, bei näherem Hinsehen systemisch. Donald Trump will die Kreditkartenzinsen in den USA auf 10 % deckeln. Die Begründung klingt sozial. Banken sollen ihre Kunden nicht „abzocken“.

 

Doch das amerikanische Kreditkartensystem lebt von Risikodifferenzierung. Wird der Preis für Risiko gedeckelt, verschwindet es nicht. Es verlagert sich. In niedrigere Kreditlimits, strengere Vergabekriterien, weniger Zugang für jene, die ohnehin wenig Spielraum haben. Die Maßnahme verspricht Entlastung. Und erzeugt Knappheit.

 

Donald Trump hat das Vertrauen vieler Investoren beschädigt. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. Warren Buffett hat einmal gesagt, Vertrauen sei sein wichtigstes Asset. Es brauche Jahre, um es aufzubauen. Man könne es jedoch durch sein Verhalten über Nacht wieder verlieren. Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen, der USA den „Safe-Haven“-Rabatt zu streichen?

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