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Wöchentlicher Börsenbrief #130

Dr. Josef Obergantschnig, 30. Januar 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Elons Lieblingsplatten und Donalds wilde Moves

Während ich frühmorgens an meiner Espressomaschine stehe, tobt draußen ein heftiger Sturm. Nein, liebe Leserin und lieber Leser, damit meine ich nicht das lokale Wetter, sondern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die geopolitische Gemengelage. 

 

Jetzt hat es auch einen der Großen erwischt. Amazon streicht 16.000 Stellen. Nicht im Lager, nicht bei der Zustellung, sondern in den Management-Ebenen. Weniger Bürokratie, mehr Verantwortung, lautet die offizielle Begründung. Übersetzt heißt das: Zu viele Entscheidungen sind zu lange durch zu viele Hände gegangen. Fast zeitgleich kündigt der niederländische Chipausrüster ASML den Abbau von rund 1.700 Jobs an, etwa 4 % der Belegschaft. Kein Sparprogramm aufgrund prekärer Rahmenbedingungen, sondern ein gezielter struktureller Eingriff – und das trotz voller Auftragsbücher und guter Aussichten für 2026. Auch hier trifft es vor allem Führungsebenen.

 

Der technologische Fortschritt, vor allem KI, trifft zunehmend sogenannte White-Collar-Workers. Erstmals sind damit nicht vorwiegend Jobs in der Produktion betroffen, sondern Wissensarbeiter. Koordination, Reporting, Abstimmung oder andere Routineaufgaben – all das lässt sich heute bündeln, beschleunigen oder teilweise ersetzen. KI macht vieles einfacher. Gleichzeitig wird uns klar vor Augen geführt, dass manches, was wir noch vor wenigen Jahren selbst erledigt haben, schlicht nicht mehr gebraucht wird. Heute zählt es, mit der KI zu arbeiten  und sich dabei auch ein Stück weit neu zu erfinden.

 

So widersprüchlich es klingt: Trotz dieser Umbrüche zeigt sich der US-Arbeitsmarkt erstaunlich stabil. Vollbeschäftigung gilt dort ab einer Arbeitslosenquote von rund 5 %, weil Jobwechsel immer eine gewisse Reibung erzeugen. Seit mittlerweile 52 Monaten liegt die Quote darunter. Nur einmal seit 1948 hielt eine solche Phase länger an, zwischen 1965 und 1970. Das hat mich überrascht. Offenbar wird nicht weniger gearbeitet, sondern anders. Stellen verschwinden, neue entstehen, und vieles verschiebt sich schneller, als wir es gewohnt waren.

 

Während Unternehmen also ihre Strukturen neu ordnen, versucht die Geldpolitik, Zeit zu gewinnen. Nach drei Zinssenkungen in Folge legt die US-Notenbank Fed eine Pause ein und belässt den Leitzins in einer Spanne von 3,50 % bis 3,75 %. Wann der nächste Schritt folgt, lässt sie offen. Die Börsen nehmen das zunächst gelassen zur Kenntnis.

 

US-Präsident Donald Trump hingegen dürfte laut polternd durch das Weiße Haus ziehen. Sein Widersacher, Fed-Präsident Jerome Powell, hat wieder einmal nicht geliefert und die Zinsen nicht wie gewünscht gesenkt. Der offene Konflikt zwischen den beiden gehört inzwischen fast zur amerikanischen Folklore. Harmlos ist er aber nicht. Wenn der US-Präsident öffentlich an der Unabhängigkeit der Notenbank rüttelt, beschädigt Vertrauen. Und Vertrauen ist die eigentliche Währung der Finanzmärkte.

 

Der Dollar hat auch 2026 deutlich an Wert verloren. Nicht aus markttechnischen Gründen, sondern aus politischen. Die wiederholten Angriffe Donald Trumps auf Institutionen, sein geopolitisches Säbelrasseln und die demonstrativ zur Schau gestellte Freude über einen schwachen US-Dollar hinterlassen inzwischen Spuren. Der Dollar bleibt zwar Weltleitwährung, doch das Vertrauen in seine Stabilität bröckelt. Ganz leise, aber doch spürbar.

 

Das belegt auch der Goldpreis, der diese Woche erstmals die Marke von 5.000 Dollar je Feinunze überschritten hat. Noch im Oktober des Vorjahres galt die 4.000er-Marke als historisch. Das Tempo dieser Bewegung ist bemerkenswert. Gold wird wieder als sicherer Hafen gesehen und hat damit wohl eine Wachablöse eingeleitet. Nicht aus Inflationsangst, sondern aus wachsendem Misstrauen gegenüber dem US-Dollar.

 

Ist eine Abwertung des US-Dollars nun gut oder schlecht? Die passende Antwort ist widersprüchlich und liegt wohl im Auge des Betrachters. Ein schwacher Dollar macht US-Produkte im Ausland günstiger. Gleichzeitig sind die USA der größte Konsument der Welt. Ein schwächerer Dollar verteuert Importe. Für amerikanische Haushalte wird der Alltag teurer. Der Export profitiert, der Konsum zahlt. Und aus Sicht eines Euro-Investors, der sein Geld in amerikanische Aktien angelegt hat, mindert ein schwächerer US-Dollar die Performance – ausgenommen natürlich, die Währung ist abgesichert.

 

Die Aktienmärkte bleiben in diesem Umfeld erstaunlich gelassen. Der S&P 500 hat diese Woche erstmals die Marke von 7.000 Punkten überschritten. Ein neuer Rekord in einer turbulenten Zeit. Diese Woche haben einige Unternehmen ihre Ergebnisse veröffentlicht. Für Aufsehen sorgte dabei Tesla, das erstmals mit einem Geschäftsjahr mit sinkenden Umsätzen konfrontiert ist. Das allein wäre noch kein Drama. Auffällig ist jedoch, dass selbst bei einem der bekanntesten Tech-Konzerne der Welt operative Schwächen sichtbar werden. Hier scheint wohl der Ausflug von Elon Musk in die Welt der Politik nicht ohne Nebenwirkungen geblieben zu sein.

 

Spannend ist hier aber auch ein Vergleich zwischen den USA und Europa. Die großen US-Konzerne wie Alphabet (Google), Apple, Microsoft oder Nvidia verdienen jeder für sich mehr als alle 40 DAX-Unternehmen zusammen. Darüber hinaus ist es ihnen gelungen, ihre Gewinnmargen in den vergangenen Jahren hoch zu halten. Wenn ich meinen Blick über das Börsenparkett schweifen lasse, tanzen noch viele ausgelassen auf der Tech-Party, während Elon fleißig die Platten auflegt und Donald mit wilden Moves sein Bad in der Menge genießt.

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