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Wöchentlicher Börsenbrief #136

Dr. Josef Obergantschnig, 12. März 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Wenn alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren

An den Börsen geht es dieser Tage hurtig rauf und dann auch wieder runter. Vielen fällt es schwer, in diesem Umfeld wirklich ruhig zu bleiben. Der Iran-Krieg zieht derzeit viele in seinen Bann. Und das bemerke ich nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch im Alltag. Gerade gestern habe ich mit einem deutschen Finanzexperten über die Spritpreise an den Tankstellen gesprochen. Ein Thema, das polarisiert, aufwühlt und viele Menschen beschäftigt. Der Preis für ein Barrel Öl – das sind 159 Liter – ist von rund 70 Dollar auf über 100 Dollar gestiegen. Auch wenn der Sprit bei uns in Österreich (noch?) deutlich billiger ist, können wir uns diesem globalen Trend nicht entziehen. Bereits wird politisch heftig darüber diskutiert, ob die Steuern für Benzin und Diesel gesenkt werden müssen oder ob man nicht einfach einen Preisdeckel festlegen sollte. Eines ist aber auch klar: Egal ob Steuersenkung oder Preisdeckel – am Ende muss der Staat tief in die eigene Tasche greifen.

Während meine Kaffeemaschine gewohnt rattert, scrolle ich durch die Nachrichten. Ich wusste gar nicht, dass im Jahr 2023 rund 30 % des global gehandelten Öls über die vom Konflikt besonders betroffene Straße von Hormus transportiert wurden. Die Straße von Hormus ist eine nur rund 40 Kilometer breite Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean und gilt als eine der wichtigsten Energierouten der Welt. Tanker aus Saudi-Arabien, Kuwait, Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten müssen hier durch, wenn sie ihr Öl auf die Weltmärkte bringen wollen. Diese schmale Passage zählt damit zu den wichtigsten Schlagadern der globalen Energieversorgung. Wenn hier etwas ins Stocken gerät, spüren das nicht nur die Ölmärkte, sondern letztlich auch Autofahrerinnen und Autofahrer an der Zapfsäule oder aber auch viele Unternehmen. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass US-Präsident Donald Trump dem Iran mit einer massiven militärischen Reaktion gedroht hat, sollte die wichtige Handelsroute blockiert werden.

In Europa wiederum wird die aktuelle Situation zum Anlass genommen, die Debatte über die eigene Energieversorgung neu zu entfachen. Frankreich und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treiben eine Art „Nuklear-Offensive“ voran. Ziel ist es, die Energieversorgung Europas langfristig unabhängiger zu machen. Doch die Fronten sind klar gezogen. Während Länder wie Frankreich oder Italien stärker auf Atomkraft setzen wollen, stehen Deutschland oder Österreich diesem Kurs weiterhin skeptisch gegenüber. Mittlerweile umfasst das Lager der Atomkraftbefürworter rund 16 europäische Staaten. Auch wenn derzeit viel über kleine modulare Reaktoren diskutiert wird, werden die Solarzellen auf unseren Hausdächern wohl kaum bald kleinen Minireaktoren für zuhause weichen.

Bei dieser Nachrichtenlage gönne ich mir gleich noch einen Espresso, während mein Blick zu den Märkten schweift. Unweigerlich bleibe ich bei Volkswagen hängen – Europas größter und hinter Toyota zweitgrößter Autobauer der Welt. Im letzten Geschäftsjahr hat sich der Konzernergebnis auf 6,9 Milliarden Euro nahezu halbiert. Der Konzern gab an, bis 2030 50.000 Stellen streichen zu wollen. Als Gründe nannte Konzernchef Oliver Blume steigenden Wettbewerbsdruck, US-Zölle und eine sinkende Nachfrage aus Asien. Auch Abschreibungen bei der Sportwagen-Tochter Porsche hinterlassen eine deutliche Bremsspur in der Bilanz. Der Sportwagenhersteller musste zuletzt einen Gewinneinbruch von 91 Prozent hinnehmen.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Verschiebung innerhalb des Konzerns: Während die prestigeträchtige Porsche-Sparte schwächelt, weist ausgerechnet die tschechische Tochter Skoda derzeit die höchste Umsatzrendite im gesamten Volkswagen-Konzern aus. Besonders nachdenklich stimmt mich jedoch etwas anderes. Der VW-Chef wirkte in seinen Aussagen ungewöhnlich nüchtern. Seiner Ansicht nach ist das Geschäftsmodell, das Volkswagen und die gesamte deutsche Autoindustrie über viele Jahre ausgezeichnet hat, nicht mehr zukunftstauglich. In dieser neuen Welt funktionieren sie scheinbar nicht mehr.

Und das sagt ausgerechnet der Vorstandschef eines der mächtigsten Industriekonzerne Europas. Volkswagen gehört immerhin zu den wenigen Unternehmen, die seit der Einführung des DAX ununterbrochen Teil des Leitindex sind. Genau das gibt mir zu denken. Denn Blume spricht vermutlich nicht nur für Volkswagen. Meiner Einschätzung nach spricht er für viele europäische Unternehmen aus den unterschiedlichsten Schlüsselindustrien.

Es ist Zeit, Europa neu zu denken. Und damit meine ich Staaten, Unternehmen – aber am Ende des Tages auch jeden einzelnen von uns. Altbewährtes funktioniert nicht mehr. Um daraus Neues entstehen zu lassen, braucht es ein Umdenken. Ich bin dennoch überzeugt, dass wir in Europa nach wie vor gute Karten haben. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter sprach von der „schöpferischen Zerstörung“. Damit meinte er, dass Altes verschwinden muss, damit Neues entstehen kann. Wenn wir diesen Gedanken beherzigen, mache ich mir um Europa keine Sorgen.

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