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Projekt

Volle Erziehung in Österreich

Gründe – Qualitätsentwicklung – Prävention
Fremdbetreuungen in Österreich

(c) Arno Heimgartner

Im Auftrag des Bundeskanzleramtes (Sektion VI – Familie und Jugend) untersucht das Forschungsprojekt österreichweit die Gründe für die volle Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit dem Ziel der Qualitätsentwicklung und der Entwicklung präventiver Maßnahmen.

Projektbeschreibung

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die volle Erziehung in Österreich, ein zentraler Leistungsbereich der Kinder- und Jugendhilfe, in dem Kinder und Jugendliche zur Sicherung des Kindeswohls außerhalb ihrer Herkunftsfamilie in stationären Einrichtungen oder bei Pflegepersonen betreut werden.

Die Studie knüpft an aktuelle kinderrechtliche und fachpolitische Entwicklungen sowie an die Zielsetzungen der Bund-Länder-Vereinbarung zur Kinder- und Jugendhilfe an und schließt eine Forschungslücke, da die letzte umfassende österreichweite Erhebung mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt.

 

Zentrale Fragestellungen

  • Aus welchen Gründen werden Kinder und Jugendliche in sozialpädagogischen Einrichtungen bzw. von Pflegepersonen betreut?
  • Wie können Qualitätsentwicklung und Nachhaltigkeit im Prozess der vollen Erziehung vorangetrieben werden?
  • Welche Maßnahmen und Ansätze der Prävention können dazu beitragen, Kindern und Jugendlichen ein sicheres Aufwachsen in ihren Herkunftssystemen zu ermöglichen?

 

Forschungsdesign und Methode

Die empirische Erhebung folgte einem Mixed-Methods-Design und wurde österreichweit durchgeführt. Als handlungsleitende Qualitätskriterien dienten Fallorientierung, Partizipation, Kooperation und Multiperspektivität.

Methodisch wurden vier Module miteinander kombiniert: standardisierte Falleingaben durch fallführende Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, qualitative Interviews mit zentralen Akteur:innen, Dialogforen an verschiedenen Standorten der Sozialen Arbeit sowie ein partizipativer Workshop mit Jugendlichen („Youth Talk“).

Insgesamt konnten 395 Fallbeschreibungen aktueller und beendeter Maßnahmen der vollen Erziehung erhoben werden. Ergänzend dazu wurden 40 qualitative Interviews mit Sozialarbeiter:innen, sozialpädagogischen Fachkräften, Pflegepersonen, Mitarbeiter:innen psychologischer Dienste und Eltern durchgeführt.

In bundeslandspezifischen Dialogforen diskutierten rund 100 Expert:innen aus Praxis, Verwaltung und Wissenschaft zentrale Fragestellungen, während der Workshop mit Jugendlichen die Perspektive unmittelbar Betroffener einbrachte.

 

Ergebnisse

Betreuungen in voller Erziehung sind in der Regel mit komplexen familiären Problemlagen verbunden, in denen mehrere Belastungsfaktoren über längere Zeiträume zusammenwirken. Neben Gewalt und Vernachlässigung zählen insbesondere psychische Erkrankungen von Eltern, Suchterkrankungen, Armut, prekäre Wohnverhältnisse, soziale Isolation und konflikthafte Familienbeziehungen zu den dokumentierten Problemlagen. Zugleich spielen Ressourcen von Kindern und Jugendlichen sowie im familiären Umfeld eine wichtige Rolle und sollten in Hilfeprozessen stärker berücksichtigt werden.

Auch gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien. Dazu zählen Veränderungen in Familien- und Care-Strukturen, steigende normative Erwartungen an Elternschaft, zunehmende sozioökonomische Ungleichheiten und die wachsende Bedeutung digitaler Medien. Hinzu kommen vielfältige Lebenslagen und Anforderungen im Kontext von Migration und gesellschaftlicher Pluralisierung.

In der Qualitätsentwicklung zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen hohen fachlichen Ansprüchen und strukturellen Möglichkeiten. Falldruck, Fachkräftemangel und begrenzte Ressourcen prägen den Arbeitsalltag vieler Fachkräfte. Bei stationären Angeboten und im Pflegekinderwesen bestehen zudem Herausforderungen hinsichtlich Passgenauigkeit, Verfügbarkeit und Stabilität von Betreuungssettings.

Zentrale Qualitätsdimensionen sind Partizipation, tragfähige Arbeitsbeziehungen und Kooperation. Die Perspektiven von Eltern und Jugendlichen zeigen sowohl positive Erfahrungen mit Unterstützung und Schutz als auch Herausforderungen hinsichtlich Transparenz, Beteiligung und Übergängen. Die Ergebnisse des partizipativen Workshops unterstreichen dabei die Bedeutung einer systematischen Einbeziehung der Stimmen von Kindern und Jugendlichen in die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe.

Prävention muss sowohl auf gesellschaftlich-struktureller Ebene als auch innerhalb des Leistungssystems ansetzen. Frühzeitige, niedrigschwellige Unterstützungsangebote, eine bessere personelle Ausstattung und eine stärkere Vernetzung relevanter Akteur:innen zählen zu den wesentlichen Voraussetzungen.

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Sicherung des Kindeswohls eine gemeinsame fachliche, politische und gesellschaftliche Aufgabe ist. Eine nachhaltige Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe erfordert neben fachlichen und strukturellen Verbesserungen auch Verantwortung für die Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien.

Hinweis

Publikation:

Schaden, E., Heimgartner, A., Reicher, H., Deutsch, K., & Hammer, E. (2026). Volle Erziehung in Österreich: Gründe – Qualitätsentwicklung – Prävention. Bundeskanzleramt. https://www.bundeskanzleramt.gv.at/dam/jcr%3A4eb35d36-4d98-4c99-b9c8-fb394489bb35/volle-erziehung-in-oesterreich_2026.pdf

 

Studie auf der Website des Bundeskanzleramtes: Volle Erziehung in Österreich – Bundeskanzleramt Österreich

 

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