Projekt

Zum Umgang mit Diversität in der Sozialen Arbeit

Forschungsbericht

 
DiversityCapacities 1

Im Projekt wurden unterschiedliche kritische Bereiche im Umgang mit Diversität in der Sozialen Arbeit sowie der Bedarf an einer Weiterentwicklung von Diversitätskompetenz erhoben. Der Forschungsbericht „De-Konstruktion von Differenz in der Sozialen Arbeit“ bietet zahlreiche Hinweise für eine proaktive Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Forscherinnen, Anna Riegler, Brigitte Kukovetz und Helga Moser analysierten in dem vom Land Steiermark geförderten Forschungsprojekt, wie und ob die Soziale Arbeit in ihrer alltäglichen Praxis mit Diversität umgeht: auf organisationaler, interaktionaler und individueller Ebene. Im Forschungsbericht ist nachzulesen, wie bestehende Mechanismen, wie diskriminierende Diskurse und Ordnungen in der Sozialen Arbeit reproduziert oder aufgebrochen werden. Von den Befragten wird insbesondere auf den Bedarf an Weiterentwicklung von Differenzsensibilität und Diversitätskompetenz in der Profession hingewiesen. Dafür werden zahlreiche Anknüpfungspunkte auf theoretischer und methodischer Ebene zur Verfügung gestellt.

Foto: FH JOANNEUM / Lorenz Andexer
Gertraud Pantucek – Institutsleiterin Soziale Arbeit; Elke Lujansky-Lammer, Doris Kiendl, Robert Konrad, Alexandra Köck – Kooperationspartnerinnen und -partner, Anna Riegler, Helga Moser, Brigitte Kukovetz, Regina Mikula – Forschungsteam. V.l.n.r.

Empirische Ergebnisse

Durchgeführt wurde die empirische Erhebung mittels Beobachtungen und Interviews in sozialen Einrichtungen und Befragungen von Expertinnen und Experten. Es zeigte sich dabei, dass in der Praxis vielfältige Kategorisierungen vorgenommen werden – hinsichtlich Bildungsgrad, Geschlecht, Nationalität, Migrationserfahrungen, Religion, sexuelle Orientierung u.v.a.m. Einerseits wird dabei von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern aktiv an der Dekonstruktion möglicher diskriminierender Differenzsetzungen gearbeitet. Hier sind vor allem biografische Vorerfahrungen der Fachkräfte sowie aktivierende Maßnahmen seitens der Führungskräfte wirksam. Andererseits spiegeln sich auch diskriminierend wirkende öffentliche Diskurse in kategorisierenden Differenzsetzungen in der Praxis der Sozialen Arbeit wider. Ihre diskriminierende Wirkung entfalten diese Differenzsetzungen entlang stereotyper Zuschreibungen, die auf unreflektierten Macht- und Normalitätsvorstellungen beruhen. Insgesamt stellten die Forscherinnen eine mangelnde proaktive Auseinandersetzung mit dem Thema Diversität in der täglichen Praxis und in Aus- und Weiterbildungen fest.

Diversitätskompetenz fördern

Im theoretischen Teil der Forschungsarbeit wird hervorgehoben, dass eine offene Gesellschaft und die Anerkennung von Verschiedenheit, eine Dekonstruktion machtvoll wirkender Normalitätsvorstellungen fördert und damit diskriminierend wirkenden Zuschreibungen entgegengewirkt. Dahingehend stellten die Forscherinnen Ansprüche zur Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Es brauche eine aktive Förderung von handelnden Personen, um Differenzsensibilität und Diversitätskompetenz im Professionsalltag umsetzen zu können. Diversitätskompetenz wird zwar von Einzelnen auf der Wissens-, Handlungs-, Reflexions- und Haltungsebene entwickelt. Damit dies aber im Arbeitsalltag umgesetzt werden kann, bedarf es einer entsprechenden Organisationsentwicklung, mit welcher der proaktive Umgang mit Diversität auf verschiedenen Ebenen immer wieder angestoßen und mit unterschiedlichen Angeboten und Maßnahmen unterstützt wird.

Differenzsensibles und diversitätskompetentes Handeln setzt ein Wissen über historisch gewachsene diskriminierende Bedingungen voraus.

„Vergiss, dass ich schwarz bin, vergiss nie, dass ich schwarz bin!“

Pat Parker

Dies rät die schwarze* amerikanische Dichterin Pat Parker in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einer weißen* Frau, die wissen möchte, wie sie ihr eine Freundin sein kann. Sie weist damit auf historisch gewachsene, strukturelle Bedingungen von Differenzsetzungen und daraus entstehender Diskriminierung hin, die niemals vergessen werden sollen: „Vergiss nie, dass ich schwarz bin“. Und sie macht damit deutlich, dass Differenzsetzungen soziale Konstruktionen sind. Sie fordert uns auf, uns in Beziehung zu setzen, von Mensch zu Mensch und nicht ausgehend von Merkmalen und damit verbundenen Zuschreibungen. Diese Aufforderung könnte auch handlungsleitend für die Dekonstruktion von Differenz in der Sozialen Arbeit sein und den Blick frei machen auf ressourcenvolle Potenziale von Unterschieden.

Kooperationspartnerin Alexandra Köck und und Kooperationspartner Robert Konrad von Zebra, einem interkulturellem Beratungs- und Therapiezentrum, stellen schließlich im Bericht konkrete Perspektiven für eine entsprechende Organisationsentwicklung vor. Der Verein hat langjährige Erfahrung im Bereich Migration und Diversität und bietet Fortbildungen und verschiedene Module zu diversitätsorientierter Qualitätsentwicklung an. Ihre Forderung und ihr Ziel sind es, dass in der Sozialen Arbeit differenzsensibler gearbeitet wird, damit Chancengerechtigkeit hergestellt werden kann.

Die Forscherinnen und das Zebra-Team geben hierzu Lösungsvorschläge und betonen die Wichtigkeit von offenen Gesprächen im Team sowie gesamtbetrieblichen Fortbildungen in diesem Bereich, um das Bewusstsein für eine differenzsensible Soziale Arbeit zu verstärken. Zudem wird die Empfehlung ausgesprochen, sich in Ausbildungen zur Sozialen Arbeit vermehrt und proaktiv dem Thema Diversitätskompetenz und Differenzsensibilität zu widmen. Soziale Arbeit in einer diversen Gesellschaft braucht Diversitätskompetenz.

Kooperationspartner:

  • FH JOANNEUM – Institut für Soziale Arbeit
  • Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Empirische Lernweltforschung und Hochschuldidaktik
  • ZEBRA – Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum
  • FH JOANNEUM – Studiengang Management Internationaler Geschäftsprozesse
  • Gleichbehandlungsanwaltschaft Regionalbüro Steiermark
  • Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung des Landes Steiermark