LinkedIn | Börse kannst auch du
Vom Golfplatz, vom Eis am Stiel und ein paar Millionen
Es ist noch stockdunkel draußen und ich reibe mir die müden Augen. Die letzten Tage waren sehr anstrengend, aber Morgenstund hat bekanntlich Gold im Mund. Und bei dem Goldpreis ist das vermutlich gar nicht so eine schlechte Sache. Während meine Espresso-Maschine lautstark die Bohnen zermahlt, scrolle ich durch den Newsflow und meine Gedanken gleiten zu Adam Smith ab. Der Mann ist mit der „unsichtbaren Hand” des Marktes weltberühmt geworden. Dahinter steckt eine ebenso einfache wie geniale Idee: Wenn jeder Einzelne seinen eigenen Interessen folgt, lenkt eine unsichtbare Hand das Ganze zum Wohl aller, ohne dass es eines Planers bedarf. Ich muss unweigerlich schmunzeln, während ich mir die Frage stelle, ob mir die „unsichtbare Hand” nicht endlich auch täglich den Espresso servieren könnte. Leider Fehlanzeige, denn ich habe es versucht und musste entnervt aufgeben.
Smith ist durch den Klassiker „Wealth of Nations” weltberühmt geworden, ein Buch, das vor 250 Jahren veröffentlicht wurde und dessen Kerngedanke, der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Moral und vor allem Smiths These, dass es ohne Vertrauen schlicht nicht funktioniert, kaum an Aktualität verloren hat. Vertrauen aber ist genau das, was uns in Europa gerade am meisten zu fehlen scheint.
Der Oxford-Ökonom Paul Collier hat das vor wenigen Tagen treffend in Erinnerung gerufen. Sein Befund: Europa unterschätzt seine eigenen Stärken systematisch. Wir sind jünger als China, größer als die USA und verfügen über eine Bildungstiefe, die in der Welt selten ist. Wir haben aber gelernt, uns als Verlierer zu sehen. Der liebe Adam Smith hätte vermutlich gesagt: Der Markt hat die realistische Selbsteinschätzung verloren. Und mit diesem Pessimismus kann man gar nicht erfolgreich sein. Ein bisschen mehr Mut und Selbstachtung könnte vermutlich Berge versetzen.
Damit machen wir einen Schwenk zum Geld. Ich kann mich noch gut an die Euro-Einführung erinnern. Damals sind wir angetreten, um dem US-Dollar als Leitwährung der Welt den Rang abzulaufen. Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte später ist die Vormachtstellung des Dollars nach wie vor einzementiert. Heute werden rund 90 % aller Devisentransaktionen in Dollar abgewickelt, und rund 60 % der globalen Währungsreserven lagern im Greenback. Auch wenn der Dollar im Vorjahr doch etwas Federn lassen musste und im Vergleich zu anderen Währungen deutlich an Wert eingebüßt hat, bleibt er nach wie vor die wichtigste Währung der Welt.
Apropos belastbare Systeme. Wir schreiben den 15. Mai 1911, und der Oberste Gerichtshof der USA hat soeben entschieden, dass Standard Oil in 34 Einzelunternehmen aufzulösen sei. John D. Rockefeller, der Eigentümer, ist längst in Rente und erfährt das Urteil auf einem Golfplatz in Florida. Er soll Zeitzeugen zufolge die Partie nicht unterbrochen haben. Was folgte, war Paradoxie pur: Die Aktien der 34 Nachfolgeunternehmen legten in den Jahren danach deutlich stärker zu als das zerschlagene Unternehmen je zuvor. Rockefeller hielt Anteile an allen 34 Firmen und wurde durch die Zersplitterung seines Lebenswerks rund 50 % reicher. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Rockefeller war vermutlich einer der reichsten Menschen aller Zeiten. Und damit kommen wir zu einer Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Wie viel Geld braucht man eigentlich, um in Rente gehen zu können? Die ehrliche Antwort ist deutlich unbequemer, als die meisten erwarten, denn die 4%-Regel besagt, dass man ein Vermögen des 25-fachen Jahresbedarfs benötigt. Wer beispielsweise 40.000 Euro pro Jahr entnehmen möchte, braucht eine Million Euro investiertes Kapital, um jährlich 4 % zu entnehmen, ohne dass das Vermögen real schrumpft, und angesichts der aktuellen Zinslandschaft führt dabei an einem substanziellen Aktienanteil kaum ein Weg vorbei.
In diesen Sphären bewegen sich freilich nur wenige, wobei einem schönen Sommer trotzdem nichts im Wege steht. Für mich als bekennender Twini-Fan ist das birne-orangige Eis auf zwei Stielen Kindheitserinnerung und Lebensfreude in einem Stück, zumal es auch heute die optimale Ergänzung zu meinem morgendlichen Espresso bleibt. Damit stehe ich offenbar nicht allein: Der globale Eismarkt wird mittlerweile auf 87 Milliarden Euro geschätzt, und der Marktführer Magnum Ice Cream Company, zu dem auch die Marke Eskimo und damit Twini gehört, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Bei dieser Performance würde es mich nicht wundern, wenn der eine oder andere Börsianer eisschleckend und mit einem breiten Grinsen auf die Kurstafel blickt.
Ein lohnender Blick fällt dabei auch auf SpaceX: Das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk könnte bereits im Juni an die Börse gehen, womit sich die Frage stellt, ob die Börsenkurse den Raketen in lichte Höhen folgen werden. Davor wünsche ich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, ein schönes Pfingstwochenende mit dem einen oder anderen Espresso oder einem Eis am Stiel.