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Wöchentlicher Börsenbrief #160

Dr. Josef Obergantschnig, 17. September 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Großes Kino und der heimliche Star 2026

Der September ist für mich immer ein spezieller Monat. Der Sommer ist vorbei, die Schule beginnt und mittlerweile schon traditionellerweise steht die große Cineplexx-Tour quer durch Österreich auf dem Programm. Diese Woche war es wieder so weit. Und irgendwie ist es schon ein bisschen aufregend, in einem Kino eine Keynote vor Finanzexpert:innen zu halten. Große Leinwand im Hintergrund, dunkler Raum, das Licht, das einen blendet und darüber hinaus steile Ränge nach oben. Beim Espresso davor oder danach ergeben sich immer wieder spannende Gespräche. Dieses Jahr ging es vor allem um die hohe Staatsverschuldung, steigende Zinsen und auch die Performance der Aktienmärkte. Aber der Reihe nach.

Die USA haben im August erstmals die Schuldenschallmauer von 40 Billionen Dollar überschritten. Mittlerweile müssen mehr als 1.000 Milliarden pro Jahr für Zinsen ausgegeben werden. Das sind umgerechnet 3,2 Milliarden pro Tag, 132 Millionen pro Stunde oder 2,2 Millionen Dollar pro Minute. 2019 mussten die USA „nur“ 375 Milliarden an Zinsen bezahlen. Zum Vergleich: Für Zinsen wird jetzt schon mehr bezahlt als für das Militär (885 Mrd. USD) oder auch die Gesundheitshilfe Medicaid (708 Mrd. USD).

Die Tendenz ist weiter steigend. Die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen ist diese Woche erstmals seit 2007 wieder über die 5-%-Marke gestiegen. Das bedeutet, dass Investoren jetzt immer mehr einfordern, um den USA Geld zu leihen. Und das wiederum wird das Budget der USA und von Präsident Donald Trump in Zukunft weiter belasten. Hier können wir auch einen Vergleich zu der Bewertung der Aktienmärkte heranziehen. Der S&P 500 wird mit einem rund 19-fachen KGV auf Basis der erwarteten Gewinne bewertet. Dreht man dieses Verhältnis um, ergibt sich eine Gewinnrendite von rund 5,2 %. Auch hier merkt man, dass durch die Performance der letzten Monate und Jahre die Luft schon etwas dünner wird. Auch wenn man attestieren muss, dass die Unternehmen bisher abgeliefert haben. Zum Vergleich schwenken wir nach Europa. Der DAX wird aktuell mit einem KGV von 16, der österreichische ATX von 13 bewertet.

Auch Nikolai Tangen, der Chef des norwegischen Staatsfonds, sieht das mit einer gewissen Skepsis. Der Fonds verwaltet mittlerweile 2,3 Billionen US-Dollar und hat über 70 % seines Geldes in mehr als 7.000 Aktien investiert. In Summe entspricht das rund 1,5 % des Börsenwertes aller Aktien der Welt. Im ersten Halbjahr konnte der Fonds einen Rekordgewinn von 184 Milliarden Dollar erwirtschaften. Aber wie sieht Nikolai Tangen die Zukunft? Der Fonds hat europäische Aktien übergewichtet und er schließt härtere Zeiten nicht aus. Aber Fakt ist auch, dass auch in Zukunft eine hohe Aktienquote im Fonds aufrechterhalten wird.

Die großen Indizes profitieren vor allem von wenigen Unternehmen. Der Technologiesektor des S&P 500 lag Ende August seit Jahresbeginn knapp 30 % im Plus und wird mit einem 38-fachen KGV bewertet. Im MSCI World stehen die zehn größten Titel für mehr als ein Viertel des gesamten Index. Und auch das ist ein Aspekt, den Nikolai Tangen kritisch sieht. Aber klar ist auch, dass der technologische Wandel den führenden Unternehmen Milliardengewinne beschert hat.

Ein Aufsatz von Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic, sorgt dieser Tage für Aufsehen. Amodei spricht sich dafür aus, die Entwicklung neuer KI-Modelle zu verlangsamen. Unterstützung bekam er unter anderem von Elon Musk oder auch Sam Altman, dem Chef von OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT. Dieser hat darüber hinaus angekündigt, den angestrebten Börsengang auf 2027 zu verschieben, um noch einige Dinge vorab klären zu können. Irgendwie finde ich es eine bemerkenswerte Entwicklung, dass selbst die Anbieter, die mit ihren Modellen in Goldgräberstimmung sind, mittlerweile vor dem Tempo der Entwicklung und damit auch vor den eigenen Produkten warnen. Das hat auch an den Börsen Wellen geschlagen. Nach der Veröffentlichung von Amodeis Aufsatz haben die großen Halbleiterwerte 600 Milliarden Dollar verloren. Kommen wir damit zur aktuellen Fondsmanager-Umfrage der Bank of America. Als größtes Risiko nennen die Befragten inzwischen einen ungeordneten Anstieg der Anleiherenditen. Und das kommt noch vor der Sorge über die hohe Bewertung von KI-Unternehmen.

Der Wiener ATX liegt seit Jahresbeginn 27 % im Plus. Zum Vergleich: Die Nasdaq liegt bei einem Plus von 12 %, der deutsche DAX bei 4 %. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem auch die Indexzusammensetzung. Im ATX dominieren Banken (45 %) und der Energiesektor (Öl und Gas mit 13 %). Steigende Zinsen verbessern die Ertragslage der Banken und darüber hinaus ist der Ölpreis seit Jahresbeginn um 80 % gestiegen. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass sich das im ATX niederschlägt. Der heimliche Star des Börsenjahres 2026 notiert damit in Wien.

Apropos Zinsen. Am Mittwochabend hat die amerikanische Notenbank den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 3,75 bis 4,00 % angehoben. Der Beschluss fiel einstimmig mit 12 zu 0 Stimmen, und es war die erste Zinsänderung unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh. Überraschend kam das nicht. 2022 hob die Fed von faktisch null auf 4,25 bis 4,50 % an. Das werden Unternehmen, aber auch der Staat spüren, da neue Kredite mehr kosten. Und das wiederum dürfte dem lieben Donald so ganz und gar nicht gefallen.

Im Monat September haben wir schon den einen oder anderen Börsen-Crash erlebt. Im Anschluss an 9/11 oder die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers kam es zu einer starken Korrektur. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass viele Investoren ein bisschen Bammel haben. Es gibt aber auch die Gegenthese, die besagt: Sell in May and go away. But remember to return in September. Die Frage ist nur, wann im September. Vielleicht sollte ich dazu bei der nächsten Espresso-Pause im Kino einmal schnell meine KI befragen.