Architektur im Home-Office studieren
Study online (© Viktoria Harzl)

Architektur online studieren – wie das Wohnzimmer zum Zeichensaal wurde

Viktoria Harzl,

Das heurige digitale Sommersemester neigt sich dem Ende zu. Ein guter Zeitpunkt um darauf zurückzublicken, wie der Ausnahmezustand zur Normalität wurde, welche Hürden es zu überwinden galt und welche Vorteile das Online-Studium mit sich brachte.

Im Zuge der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie wurden an der FH JOANNEUM, wie an allen Hochschulen im Land, Mitte März alle Präsenzlehrveranstaltungen auf digitale Lehrformate umgestellt. Für uns Studierende von „Architektur“ hieß es noch am selben Tag unsere Arbeitsplätze im geliebten Projektraum zu räumen und zu Hause neu einzurichten.

Obwohl es anfänglich nach zusätzlichen Ferien geklungen hat, wurde uns durch die weiteren Maßnahmen der Bundesregierung schnell bewusst, dass wir den Hörsaal nicht wie anfänglich geplant nur für drei Wochen, sondern vermutlich das ganze Semester nicht mehr betreten werden.

Aller Anfang ist schwer

Nach dem anfänglichen Lockdown, einer Zeit, die für die Umstellung von Präsenzlehre auf Distance-Learning notwendig war, und nach einem etwas holprigen Start mit einigen technischen Schwierigkeiten, stellten wir fest, dass die theoretischen Vorlesungen auch online gut funktionierten. Natürlich war es zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, dass man die Vortragenden statt in Natura im Hörsaal nun über den Bildschirm im privaten Umfeld sah. Die Vorlesungen verliefen dennoch nicht viel anders als beim Präsenzunterricht – zuhören, mitschreiben und mitarbeiten. Die abschließenden Prüfungen wurden mündlich via Videokonferenz abgehalten.

Doch gerade im Masterstudium „Architektur" werden die meisten Lerninhalte über verschiedene Projektarbeiten in Einzel- oder Gruppenarbeit erarbeitet. Der Fokus liegt dabei immer auf dem Entwurfsprojekt, welches dann in vielen anderen Fächern vertiefend bearbeitet wird. Um schlussendlich zu einem guten Entwurf zu gelangen, werden in der Regel viele Variantenstudien gemacht, Modelle gebaut, Pläne angefertigt und bei den wöchentlichen Besprechungen mit den Professorinnen und Professoren viel gemeinsam skizziert, diskutiert sowie an den Modellen herumgebastelt. Wie funktioniert dieser Austausch von zu Hause aus?
Es erforderte jedenfalls ein Umdenken auf beiden Seiten des Hörsaals. Die Modelle wurden ausschließlich digital in 3D-Zeichenprogrammen erstellt, für die Besprechungen wurde der Bildschirm über MS Teams, einer Plattform für Videokonferenzen, geteilt, der Korrekturstift wurde durch die Maus ersetzt und am Bildschirm gemeinsam wie wild herumgefahren. Natürlich war diese neue Art des Austausches etwas schwieriger zu begreifen, da man oft nicht vom Gleichen sprach oder Verbesserungsvorschläge falsch aufnahm. Dennoch funktionierte es, wie man an den guten Ergebnissen sehen kann.

Routine ohne Studienkolleginnen und Studienkollegen

Die Wochen vergingen und bei uns stellte sich eine gewisse Routine ein. Mit der Zeit merkten wir jedoch, dass zehn Stunden oder mehr alleine vor dem Bildschirm wirklich anstrengend sind, und dass uns vor allem eines fehlte, nämlich die soziale Interaktion und der tägliche Austausch mit den gleichgesinnten Studienkolleginnen und Studienkollegen. Obwohl viel über Videokonferenzen besprochen wurde, ist es nicht dasselbe wie gemeinsam im Projektraum zu arbeiten, gemeinsam im Hörsaal zu sitzen oder in den Pausen bei einem Kaffee Allfälliges zu besprechen.

Die Vorteile der Online-Lehre

Trotzdem brachte das Fernstudium auch Vorteile mit sich. Wir mussten nicht mehr zum Hörsaal pendeln sondern nur mehr den Laptop einschalten. Diese neu gewonnene Zeit konnten wir für andere Dinge nutzen, beispielsweise für Sport, um den mit dem Lockdown zusammenhängenden Mangel an Bewegung auszugleichen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt war, dass man studieren konnte, wo man wollte, egal ob in der Sonne oder von der Couch aus.

Für die Zukunft lernen

Ganz nebenbei war diese Erfahrung auch ein sehr wichtiger Lernprozess für unser zukünftiges Berufsleben. Die Arbeitswelt befindet sich seit Jahren im Wandeln, Trends wie Shared-Desk und Homeoffice sind stark im Kommen und die Corona-Krise hat diese Umstrukturierung sicher zusätzlich angekurbelt. Nach einem ganzen Semester online sind wir es mittlerweile gewöhnt auch zu Hause produktiv zu arbeiten und uns nicht allzu sehr ablenken zu lassen.

Auch wenn diese Ausnahmesituation für uns inzwischen zur Normalität geworden ist hoffen wir, im Wintersemester wieder in unseren normalen Studienalltag zurückkehren zu können.

Hinweis:

Viktoria Harzl ist Studentin des Masterstudiengangs „Architektur“ der FH JOANNEUM Graz.