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Wöchentlicher Börsenbrief #131

Dr. Josef Obergantschnig, 06. Februar 2026
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Amerika skaliert, Europa ringt. Und was ist schon „normal“?

Der Kellner stellt den Espresso hin, ohne dass man viel sagen muss. Es ist mein Stamm-Café. Und am Nebentisch raschelt die Zeitung wie ein kleines Warnsignal. Nicht laut, eher so, als würde Papier kurz einatmen und dann die Nachrichten mit voller Lautstärke herauszuschleudern. Oben Washington, unten Europa, dazwischen Börse. Und dieses Gefühl, das viele gerade haben: Vieles läuft eigentlich ganz gut und ordentlich, aber irgendwie spürt man, dass es auch ruppiger wird.

 

Das merkt man ausgerechnet dort, wo viele es nicht wirklich vermuten würden. Gold und Silber gleichen einer wilden Achterbahnfahrt im Wiener Prater und haben von den Höchstständen bereits deutlich abgegeben. Auf längere Sicht sind Edelmetalle aber dennoch ein gutes Investment. Auch der Bitcoin-Kurs ist unter 70.000 Dollar gefallen und liegt deutlich unter seinem Höchststand. Mehr noch: Nach den jüngsten Verlusten wurden alle Gewinne seit November 2024 wieder aufgezehrt und der Star-Investor Michael Burry warnt sogar vor einer „Todesspirale“. Auch die Aktienmärkte geben etwas nach. Dennoch halten sie sich erstaunlich hartnäckig knapp unter ihren All-Time-Highs. Irgendwie ist das auch nachvollziehbar, schließlich sprudeln die Gewinne der großen Unternehmen.

 

Wer wissen will, wie sich die wirtschaftliche Macht auf unserem Planeten verteilt, kommt an der Liste der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen nicht vorbei. Für uns Europäer ist das ein Weckruf: Die Dominanz der USA wirkt erdrückend. Mittlerweile stammen 63 der 100 wertvollsten Unternehmen aus den Vereinigten Staaten. Europa stellt lediglich 16 Namen, gefolgt von Asien mit 17 Vertretern. Einzelne Schwergewichte wie Saudi Aramco aus Saudi-Arabien (Platz 8) ergänzen dieses Bild, doch das Kraftzentrum des Kapitals liegt eindeutig jenseits des Atlantiks.

 

An der Spitze des globalen Rankings führt derzeit kein Weg an der Hardware der Künstlichen Intelligenz (KI) vorbei. NVIDIA ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 4,2 Billionen Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt. Dicht dahinter folgen Apple mit etwa 4,1 Billionen Dollar und der Google-Mutterkonzern Alphabet, der ebenfalls im exklusiven Club der „Vier-Billionen-Giganten“ agiert. Diese drei Unternehmen allein sind an der Börse mehr wert als alle europäischen Vertreter in den Top 100 zusammen.

 

In Europa wird das Ranking nicht von Tech-Plattformen, sondern von Spezialisten angeführt. Das wertvollste Unternehmen unseres Kontinents ist derzeit der britische Pharmakonzern AstraZeneca mit 587 Milliarden Dollar (Platz 19), gefolgt vom Halbleiterausrüster ASML (Platz 21) und dem Schweizer Pharmariesen Roche (Platz 32). Das deutsche Aushängeschild SAP rangiert aktuell mit 233 Milliarden Dollar auf Platz 70 der Welt. Einen Platz vor McDonald’s oder PepsiCo.

 

Die Schieflage wird bei der durchschnittlichen Ertragskraft deutlich: Ein US-Unternehmen aus den Top 100 erzielt pro Jahr im Schnitt einen Gewinn von etwa 17,5 Milliarden Dollar. Ein europäisches Top-Unternehmen erwirtschaftet zwar im Schnitt höhere Umsätze, erzielt daraus aber einen kleineren Gewinn. Europa ist umsatzstärker, die USA ist margenstärker.

 

Die Berichtssaison an der Börse hat gerade so richtig an Fahrt aufgenommen. Und bisher haben die Unternehmen abgeliefert. Die Schere öffnet sich weiter. Für die Unternehmen im MSCI USA wird für 2027 ein Gewinnwachstum von 17 % und für 2028 von 13 % erwartet. Europa hechelt etwas hinterher: Für den MSCI Europa wird in beiden Jahren ein Gewinnwachstum von 10 % prognostiziert. Nicht schlecht, aber eben weniger dynamisch. Von der Unternehmensseite her gibt es damit nach wie vor Rückenwind. Unter diesem Gesichtspunkt würde ich auch die US-Unternehmen trotz des wilden Treibens eines Donald Trumps nicht abschreiben. Hohe Gewinnmargen und ein positiver Ausblick ziehen bekanntlich Käufer an.

 

Diese Entwicklungen zwingen uns aber auch zu einer grundlegenden Analyse. Das Wettrüsten um die KI verschlingt Unmengen an Kapital. Alphabet plant beispielsweise für 2026 Investitionen von bis zu 185 Milliarden Dollar. Bisher konnten die Tech-Giganten Investitionen aus der Portokasse zahlen. Aber wie lange noch? Wir beobachten gerade eine außergewöhnlich große Investitionswette der Wirtschaftsgeschichte mit unbekanntem Ausgang.

 

Während die USA das Feld der digitalen Infrastruktur besetzt haben, stellt sich für Europa die strategische Frage: Für welche Kompetenzen stehen wir in diesem globalen Gefüge? Die Konzentration auf Pharma und Luxus ist ein Fundament, doch der Anschluss an die nächste Stufe der industriellen Wertschöpfung wird zur Existenzfrage. Europa muss definieren, wie es sich in einer Welt positioniert, in der Marktkapitalisierung zunehmend zum Maßstab für technologische Souveränität wird.

 

Kommen wir noch zur wirtschaftlichen Lage. Diese Woche wurden neue Zahlen veröffentlicht. Es gab Licht und Schatten. Ein Hoffnungsschimmer kommt aus dem Osten: Für die osteuropäischen EU-Staaten wird 2026 ein robustes Wachstum von durchschnittlich 2,6 % erwartet, angeführt von Polen mit 3,7 %. In der Eurozone hingegen verlangsamt sich die Dynamik. Der Einkaufsmanagerindex sank im Jänner auf den tiefsten Stand seit September. Ein Aufatmen gibt es bei der Teuerung: Die Inflation in Österreich sank im Jänner auf 2,0 %, in der Eurozone sogar auf 1,7 %. In diesem Umfeld hat die EZB in ihrer jüngsten Sitzung wenig überraschend die Leitzinsen unverändert belassen.

 

Blicken wir noch zur US-Notenbank. Nach langem Hin und Her wissen wir endlich, wer den tapfer kämpfenden Jerome Powell als Fed-Chef ablösen könnte. Donald Trump hat den 55-jährigen Kevin Warsh als Powell-Nachfolger für den Vorsitz der US-Notenbank nominiert. Warsh, ein ehemaliger Morgan-Stanley-Banker, gilt als geldpolitischer „Falke“ und scharfer Kritiker der bisherigen Fed-Linie. Er fordert einen „Regimewechsel“ und sieht die Ursache der Inflation vor allem in zu hohen Staatsausgaben und einer aufgeblähten Geldmenge. Seine Ernennung könnte ihn schnell auf Kollisionskurs mit dem Weißen Haus bringen, da er einer expansiven Geldpolitik kritisch gegenübersteht. Spannend wird sein, wie er seine neue Rolle anlegt und ob ihm ein paar turbulente Monate mit vielen Zwischenrufen bevorstehen.

 

Draußen vor dem Kaffeehaus geht jemand vorbei, die Zeitung am Nebentisch wird zugeklappt, und im Raum wird es wieder still. In solchen Momenten wirkt alles normal. Aber an der Börse ist „normal“ gerade ein seltsames Wort. Und an der Börse wird es vermutlich nie ein „normal“ geben.

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