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Zeit der Veränderung und eine hartnäckige Börsenweisheit
Diese Woche steht im Zeichen der Veränderung. Da wäre einmal Tim Cook, der Vorstandsvorsitzende von Apple, der angekündigt hat, in wenigen Monaten das Zepter seinem Nachfolger zu übergeben. Apple und auch Cook waren die letzten Jahre häufig imaginärer Gast an meinem Frühstückstisch. Und wenn ich so darüber nachdenke, war sein Start vermutlich alles andere als einfach. Sein Vorgänger Steve Jobs war und ist eine Legende. Er hat Apple von einem Pleitekandidaten zu einem mächtigen Global Player aufgebaut. Ein Charismatiker, der Massen bewegen konnte, aber durchaus auch seine Schattenseite hatte. Aber klar ist auch, nach so einem Mann ist es für keine:n Nachfolger:in einfach.
Tim Cook dagegen war ein ruhiger Mann, der geschickt im Hintergrund die Fäden gezogen hat und genau dort seine größte Stärke ausgespielt hat. Kommen wir zu ein paar harten Fakten. In der Cook-Ära seit 2011 ist der Umsatz von 108 Milliarden auf 416 Milliarden Dollar gestiegen. Das Unternehmen ist nach wie vor hochprofitabel. Wenn jemand von uns 1.000 Euro im Apple Store ausgibt, bleiben mehr als 300 Euro operativer Gewinn übrig. Der Gewinn wuchs von rund 26 auf zuletzt über 110 Milliarden Dollar pro Jahr. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa der Marktkapitalisierung von Starbucks, immerhin eines der bekanntesten Konsumunternehmen weltweit.
Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Cook hat Apple nicht neu erfunden, aber er hat das Unternehmen konsequent weiterentwickelt. Vor allem durch den Ausbau des Servicegeschäfts wie App Store, iCloud oder Apple Pay und durch eine nahezu perfekte globale Lieferkette hat er aus Apple eine hochprofitabel laufende Maschine gemacht.
Und jetzt kommt die Zeit von John Ternus. Tim Cook macht sich keine großen Sorgen um den Erfolg „seines” Unternehmens, da Ternus drei wesentliche Punkte mitbringt. Er habe den Verstand eines Ingenieurs, die Seele eines Innovators und das Herz, mit Integrität und Ehre zu führen. Gepaart mit einer prall gefüllten Produkt-Roadmap stehen laut Cook die Zeichen gut, dass Apples Erfolgsgeschichte auch in Zukunft weitergeführt werden kann.
Ternus ist dabei ebenfalls kein Visionär, der Massen für sich begeistern kann. Er ist ein klassischer Produktmensch, der seit vielen Jahren hinter zentralen Hardware-Entwicklungen steht und das Unternehmen in und auswendig kennt. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt. Cook hat Apple stabilisiert, strukturiert und wirtschaftlich auf ein neues Niveau gehoben. Jetzt liegt es an John Ternus, Apple seinen Stempel aufzudrücken und sicher in das neue KI-Zeitalter zu führen.
Und während in Cupertino ein Führungswechsel geordnet über die Bühne geht, schaut es in der größten und wichtigsten Notenbank der Welt ein bisschen anders aus. Mit Kevin Warsh steht ein möglicher neuer Kopf für die US-Notenbank im Raum, und schon im Vorfeld wird deutlich, wie sensibel dieses Amt ist.
Diese Woche war es so weit und Kevin Warsh hat vor dem US-Bankenausschuss Rede und Antwort stehen müssen. Warsh kündigt einen möglichen „Systemwechsel“ in der Geldpolitik an und betont gleichzeitig die Unabhängigkeit der Notenbank. Genau diese Unabhängigkeit wird jedoch von vielen kritisch hinterfragt, da er doch der Wunschkandidat von Donald Trump schlechthin ist. Und der US-Präsident hat Jerome Powell, dem amtierenden Fed-Chef, in den letzten Monaten das Leben wahrlich nicht einfach gemacht. Sein klares Ziel sind Zinssenkungen, um die drückende Schuldenlast mit einer niedrigen Zinsbelastung stemmen zu können. Und da stellt sich manch einer die Frage, ob das der Eintrittspreis von Kevin Warsh ist, den der liebe Donald nach der Inthronisierung einfordern wird.
An den Aktienmärkten geht die Party weiter. Der S&P 500 hat ein neues Allzeithoch erreicht und auch in vielen anderen Regionen stehen die Indizes am oder zumindest nahe am Höchststand. Im April beginnt die Berichtssaison, in der die Unternehmen ihre Geschäftszahlen vorlegen. Und hier erhalten die Bullen Rückenwind, da die Erholung auf breiter Front stattfindet. Neben Technologieunternehmen wird der Aufschwung auch von Finanztiteln und zyklischen Sektoren getragen.
Bis jetzt sind wir ja gut durch das Jahr gekommen, obwohl es rundherum deutlich ruppiger wird. Als Börsianer muss ich Ende April immer an die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“ denken. Wenn man in der Börsenhistorie lange zurückblickt, ist die Performance zwischen November und April im Schnitt besser als zwischen Mai und Oktober. Aber woher kommt der Slogan überhaupt?
Seinen Ursprung hat er nicht an der Wall Street, sondern in London. Die ursprüngliche Version lautete: „Sell in May and go away, and come back on St. Leger’s Day.“ Gemeint war damit das traditionelle Pferderennen im September, das für die britische Oberschicht das Ende der Sommerpause markierte. Viele Investoren verließen im Sommer die Stadt, zogen sich auf ihre Landsitze zurück und entsprechend ging auch die Aktivität an der Börse spürbar zurück.
Was damals also ein gesellschaftliches Muster war, wurde später zu einer Börsenweisheit. Heute sind die Märkte global, digital und jederzeit aktiv. Und trotzdem hält sich der Spruch hartnäckig, vielleicht auch, weil er so schön einfach klingt. Handeln würde ich aber nicht darauf. Bevor ich jetzt auf den Verkaufsknopf drücke, trinke ich lieber noch einen Espresso.