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Das 20-Milliarden Dollar-Paradoxon und ein 382 Milliarden Abschiedsgeschenk
Diese Woche haben wir Anna, eine Austauschschülerin aus Bologna, bei uns zu Gast. Sie hat sofort mein Herz erobert, als sie mich gleich beim ersten gemeinsamen Frühstück um einen Espresso gebeten hat. Mit Anna ist bei uns auch der italienische Flair eingezogen. Italien ist hinter Deutschland und Frankreich die drittgrößte Volkswirtschaft der EU. Das „dolce vita“ hat sich auch bis zu den Staatsfinanzen durchgezogen. Mittlerweile hat sich ein Schuldenberg von 135 % der Jahreswirtschaftsleistung angehäuft. Das liegt deutlich über dem Euroschnitt von 87 %. Aber auch nur ein paar Prozentpunkte über jenem der USA. Spannend finde ich aber, dass italienische Staatsanleihen gegenwärtig eine Rendite von 3,3 % einbringen, wohingegen Investor:innen von den USA für 10-jährige Staatsanleihen 4,3 % einfordern. Ob das dem lieben Donald gefallen wird, wage ich aber zu bezweifeln. Die Rendite ist für mich auch irgendwie eine Benotung der Investor:innen. Nicht in Form eines Ratings, sondern in Form von harten Fakten. Wenn man jemandem einen Kredit gewährt – und der Kauf einer Staatsanleihe ist am Ende des Tages auch nichts anderes –, stellt man sich unweigerlich die Frage, welchen Zins oder welche Rendite man einfordert. Je sicherer die Bonität, desto geringer der Zinssatz. Und genau das ist das aktuelle Problem von Donald Trump. Für 2026 wird ein Budgetdefizit von 6,4 % prognostiziert. In Summe reden wir da von 2 Billionen US-Dollar. Und dafür müssen die USA gegenwärtig um 1 % oder 20 Milliarden Dollar mehr bezahlen als Italien. Darüber hinaus müssen alle auslaufenden Finanzierungen refinanziert werden. Auch hier orientiert sich die Zinslast an den Kapitalmärkten. Und da würde es Donald Trump sehr gelegen kommen, wenn die Notenbank zumindest am kurzen Ende die Leitzinsen einmal deutlich nach unten drückt.
Ein ähnliches Thema haben auch die großen Tech-Unternehmen, die billionenschwere Investitionen im KI-Bereich planen. Allein für heuer rechnen die Finanzmärkte mit einem Anleihenvolumen von 360 Milliarden US-Dollar. Damit dominieren die Technologie-Unternehmen auch den Neuemissionsmarkt, da rund ein Fünftel aller Emissionen in den USA auf Technologieunternehmen entfällt. Die Party geht anscheinend weiter. Der Chiphersteller Nvidia hat diese Woche Quartalsergebnisse herausgebracht und die Märkte erneut überraschen können. Der Umsatz ist um 73 % auf ein Rekordhoch von 68 Milliarden Dollar gestiegen. Und der Quartalsgewinn konnte sich von 22 Milliarden auf 43 Milliarden im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppeln. Damit bleiben von 100 Dollar Umsatz 63 Dollar als Gewinn übrig. Und diese Nettomarge ist selbst bei den erfolgsverwöhnten Hardware-Unternehmen außergewöhnlich hoch. Wenn verwundert es, dass viele Unternehmen Teil der Party sein wollen. Die Eintrittskarten in Form hoher KI-Innovationskosten sind aber auch gesalzen teuer.
Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, auf wie viel Cash die großen Unternehmen überhaupt sitzen? Das Ranking wird von Berkshire Hathaway angeführt. Warren Buffett hat ja zum Jahresende das Zepter an seinen Nachfolger Greg Abel übergeben. Und mit ihm auch einen Cashberg von 382 Milliarden. Ein Indiz dafür, dass der Altmeister die aktuellen Märkte als nicht billig einstuft. Von den großen Tankern haben Alphabet und Amazon mit 126 Milliarden Dollar die größten Reserven. Dahinter folgt Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) mit 98 Milliarden. Microsoft hat 89 Milliarden, Apple 67 und Nvidia 61 Milliarden auf den Büchern stehen. Überrascht hat mich persönlich aber, dass ein DAX-Unternehmen auf Rang 11 der Unternehmen mit der meist gefüllten Kriegskasse ist. Volkswagen, der immerhin drittgrößte Automobilproduzent der Welt ist, hat 77 Milliarden Cash und reiht sich damit inmitten vieler Tech-Unternehmen ein. Fairerweise muss man beim Konzern aus Wolfsburg aber auch anführen, dass auf der anderen Seite der Bilanz auch hohe Schulden ausgewiesen werden.
Die Stimmung an den Märkten ist nach wie vor sehr gut. Nehmen wir zum Beispiel die Aktienindizes der 70 bedeutendsten Länder der Welt als Maßstab. 80 % von ihnen befinden sich in einem Bullenmarkt und notieren mehr als 20 % über dem 52-Wochen-Tief. „Dolce Vita“ ist an den Märkten angesagt. Für mich ein Impuls, vielleicht mit Anna noch einen weiteren Espresso zu trinken.