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Wöchentlicher Börsenbrief #119

Dr. Josef Obergantschnig, 31. Oktober 2025
Wöchentlicher Börsenbrief von Josef Obergantschnig 1

Wöchentliches Börsenbriefing von Josef Obergantschnig, Lektor an der FH JOANNEUM, Unternehmer und Autor von „Börse kannst auch du“. Aktuelles Marktgeschehen, klar erklärt und aus neuen Blickwinkeln.

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Wenn Market-Timing zur Versuchung wird

 

Die Herbstferien haben begonnen. Für meine beiden Teenager bedeutet das Ausschlafen. Für meine Frau und mich heißt das: endlich einmal kein morgendliches Chaos, kein Wettrennen um das letzte Handyladekabel oder das vergessene Jausenbrot. Stattdessen ruhige Minuten am Frühstückstisch, zwei Espressi und ein Blick auf die Märkte. Das Ritual ist fast so verlässlich wie der Koffeinkick selbst. Und während draußen die Welt schon wieder über Zinsen, Tech-Werte und Goldpreise diskutiert, beschäftigt mich ein Thema, das uns alle immer wieder einholt: das liebe Timing.

 

Nvidia hat in dieser Woche als erstes Unternehmen die 5-Billionen-Dollar-Marke überschritten. Ein gigantischer Wert – und ein Paradebeispiel dafür, wie stark Emotionen an der Börse mitschwingen. Viele Investor:innen stecken im Dilemma zwischen FOMO, der Angst etwas zu verpassen, und der Angst, zu spät dran zu sein. Der Wunsch, den perfekten Einstiegs- oder Ausstiegsmoment zu erwischen, ist altbekannt. Nur leider bleibt er fast immer Illusion. Laut dem „Mind the Gap“-Report von Morningstar verlieren Anleger:innen im Schnitt 1% bis 2% Rendite pro Jahr, weil sie zu oft zwischen Strategien wechseln. Nicht wegen schlechter Märkte, sondern wegen eigener Nervosität und dem schnellen Finger am Kauf- oder Verkaufs-Button.

 

Irgendwie glauben wir immer wieder, dass hohe Aktivität gleich hohe Professionalität bedeutet. Fehlanzeige – davon bin ich zutiefst überzeugt. Im Investorenleben bringen vor allem eine klare Strategie, ein kalkuliertes Risiko und ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen Performance.

 

Die US-Notenbank hat diese Woche die Zinsen um 25 Basispunkte gesenkt. Fed-Präsident Jerome Powell ließ dabei durchblicken, dass eine weitere Senkung im Dezember keineswegs garantiert ist, auch wenn viele Marktteilnehmer:innen genau damit gerechnet hatten. Ein Schritt, der vielen in die Karten spielt. Von Immobilienbesitzer:innen mit hohen Finanzierungskosten bis hin zu Donald Trump, der in einem Umfeld sinkender Zinsen politisch und fiskalisch leichter atmen kann. Niedrigere Kreditkosten regen Konsum und Investitionen an, sind aber auch ein Ärgernis für Sparer:innen, weil sie für ihre Einlagen weniger bekommen. Jerome Powell steht dieses Mal vor einem „spannenden“ Problem: Wegen des Regierungs-Shutdowns fehlen wichtige Wirtschaftsdaten. Wichtige Entscheidungen treffen, wenn die Datenbasis fehlt – ist das nicht wie zu schnelles Autofahren im dichten Nebel?

 

Christine Lagarde hat sich davon in Europa nicht beeinflussen lassen. Die EZB blieb ruhig und hielt die Zinsen konstant. Für heuer sind weitere Zinssenkungen nicht wahrscheinlich. Aber nach insgesamt acht Schritten seit Mitte 2024 hat die EZB der Fed ohnehin schon einiges vorgelegt. Der liebe Donald wird seinen „Freund“ Jerome bei nächster Gelegenheit wohl daran erinnern. Schließlich gilt es, das chronische US-Budgetdefizit und auslaufende Schulden zu refinanzieren.

 

Neben Nvidida sorgt diese Woche auch ein zweites Tech-Unternehmen für Schlagzeilen. Der Online-Riese Amazon hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Giganten entwickelt und zählt mit mehr als 1,5 Millionen Mitarbeiter:innen zu den größten Arbeitgebern der Welt. Nun sollen 30.000 Stellen gestrichen werden – nicht aus Schwäche, sondern aus Effizienzgründen. Künstliche Intelligenz zieht in die Konzernstrukturen ein und macht auch vor den Personalabteilungen nicht halt. Spannend bleibt, wie sich der Spagat zwischen Wachstum, Technologie und sozialer Verantwortung entwickeln wird.

 

Und dann ist da noch das Gold. Nach seinem Sprung über 4.000 Dollar pro Unze glänzt es wieder – weniger aus Euphorie, mehr aus Unsicherheit. Wenn Daten fehlen, Tech-Aktien explodieren und Zinsen schwanken, greifen viele Investor:innen zum Edelmetall. Gold ist dann wie ein alter Freund: nicht aufregend, aber verlässlich.

 

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