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Die drückende Last des Polterers, ein schwerer Abschied und eine genervte Ex-Notenbankpräsidentin
Als heute Morgen die Espressomaschine ihre Arbeit aufnimmt, fällt der Blick nicht nur auf Börsenkurse oder die aktuellen Finanznachrichten. Mittlerweile gehört auch ein kurzer Check bei Polymarket zu meiner Routine. Dort lassen sich die Erwartungen der Marktteilnehmer:innen für Ereignisse aus nahezu allen Lebensbereichen ablesen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die USA und der Iran noch im April ein permanentes Friedensabkommen schließen, derzeit bei 28 %. Rund zwei Drittel gehen davon aus, dass es zumindest bis Ende Juni so weit sein wird. Das Pendel hat damit wieder gedreht. Und mit ihm auch die Stimmung an den Börsen, die sich zuletzt spürbar aufgehellt hat.
Während sich auf dieser Seite vorsichtiger Optimismus breitmacht, ziehen an anderer Stelle dunklere Wolken auf. Na bumm. Freunde werden der scheidende Fed-Präsident Jerome Powell und US-Präsident Donald Trump wohl keine mehr. Im Mai soll die Staffelübergabe erfolgen. Doch schon jetzt hat Donald Trump dem Notenbank-Chef ausrichten lassen, was er erwartet: Sollte Powell nach der Ablöse durch Kevin Warsh nicht freiwillig auf seinen Sitz im Direktorium verzichten, werde er ihn entlassen.
Der Kampf der Giganten hat sich in den vergangenen Monaten spürbar zugespitzt. Auf der einen Seite steht ein Präsident, dem die Staatsschulden davongaloppieren. Allein heuer müssen rund 10 Billionen US-Dollar refinanziert werden. Der Wunsch nach niedrigeren Zinsen ist vor diesem Hintergrund alles andere als überraschend. Sie entlasten die Staatskasse und dämpfen das Budgetdefizit. Auf der anderen Seite steht ein Notenbankchef mit einem klaren Auftrag: Geldwertstabilität. Steigende Ölpreise erhöhen den Inflationsdruck. Eine Senkung der Leitzinsen würde diese Entwicklung wohl weiter anheizen.
Mittlerweile ist der Schuldenberg der USA auf rund 39 Billionen US-Dollar angewachsen. Etwa ein Viertel davon wird von ausländischen Investoren finanziert. Der größte Gläubiger ist Japan mit rund 1,2 Billionen US-Dollar. Vor einigen Jahren war es noch China. Doch im Zuge der anhaltenden Differenzen hat sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zunehmend zurückgezogen und ihre Bestände in den vergangenen Jahren mehr als halbiert. Die wichtigsten Financiers sitzen heute im eigenen Land. Allen voran Fonds und Pensionskassen. Auch die eigene Notenbank hält mit rund 4,4 Billionen US-Dollar einen beträchtlichen Anteil an Staatsanleihen in ihren Büchern. Kevin Warsh hat bereits angedeutet, dass das „relativ viel“ sei. Sollte sich die Notenbank künftig stärker zurückziehen, fällt ein zentraler Käufer weg. Gleichzeitig wächst mit der steigenden Verschuldung auch das Angebot an neuen Anleihen. Diese Kombination bleibt nicht ohne Folgen. Sinkende Nachfrage trifft auf steigendes Angebot. Das führt in der Regel zu höheren Zinsen. Selbst dann, wenn es dem lieben Donald nicht schmeckt.
Dem scheidenden Fed-Präsidenten Jerome Powell springt nun auch seine Vorgängerin Janet Yellen zur Seite. Das ständige Poltern des Präsidenten scheint ihr mittlerweile gehörig auf die Nerven zu gehen. Im Rahmen einer Veranstaltung stellte sie eine bemerkenswerte Frage: Wie oft komme es eigentlich vor, dass ein Präsident eines entwickelten Landes öffentlich die Notenbank auffordert, die Zinsen zu senken, um die eigenen Finanzierungskosten zu drücken. Ein solches Verhalten kenne sie sonst nur aus einer „Bananenrepublik“. Und damit nicht genug: Yellen geht davon aus, dass auch der designierte Nachfolger Kevin Warsh ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen könnte, sollte er sich innerhalb der Gremien klar für niedrigere Zinsen positionieren.
Für mich ist klar: Dieses Thema wird uns noch länger begleiten. Vielleicht sollte ich Jerome Powell einmal fragen, ob ich ihn auf einen Espresso einladen darf. Stoff für ein Gespräch hätte er jedenfalls genug.