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Angst, Gier und ein Billionen-Dollar-Traum
Die Temperaturen sinken, der Espresso dampft. Während ich diese Zeilen schreibe, steht draußen das erste Herbstlaub auf der Straße, und drinnen laufen die Märkte heiß. Nur anders als gewohnt – diesmal in Rot. Nach Monaten der Euphorie kehrt die Nervosität zurück. Die Bewertungen sind hoch, die Risikoprämien steigen, und die Angst macht wieder die Runde. Der CNN „Fear or Greed Index“ ist zurück im Angstmodus. Noch vor wenigen Wochen herrschte Gier, jetzt dominiert wieder die Sorge. Wie so oft an den Märkten, pendelt das Stimmungsbarometer zwischen Euphorie und Pessimismus – wie ein Metronom der Emotionen.
Diese Woche hatte es in sich. Elon Musk, der Mann für die großen Geschichten, hat es wieder geschafft: Tesla-Aktionäre stimmten einem gigantischen Vergütungspaket zu – theoretisch könnte er damit der erste Billionär der Welt werden. Eine Summe, die man kaum mehr begreifen kann. 423 Millionen Aktienoptionen, verteilt über zehn Jahre. Voraussetzung: Tesla muss eine Marktkapitalisierung von 8,5 Billionen Dollar erreichen. Das wäre fast doppelt so viel wie Nvidia, das erst letzte Woche als erstes Unternehmen überhaupt die 5-Billionen-Marke geknackt hat. Ob realistisch oder nicht – Musk spricht von Robotaxis, humanoiden Robotern und einer Welt, in der jeder seinen eigenen R2-D2 besitzt. Beim Espresso drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, ob das die Gedanken eines Visionärs sind – oder doch die Fantasien eines Unternehmers mit Hang zum Größenwahn.
Während die Tech-Elite nach den Sternen greift, spürt Österreich die Schwerkraft. Die neuen 15-Prozent-US-Zölle auf Europa treffen eine exportorientierte Volkswirtschaft ins Mark. UniCredit kalkuliert mit rund 0,25 % weniger BIP – etwa 10.000 Jobs. Besonders betroffen: die industrielastigen Bundesländer Steiermark (-0,47 %, über 2.000 Stellen) und Oberösterreich (-0,35 %, rund 2.300 Stellen). Fazit: Ein polternder Donald Trump in Washington, Folgen in Graz und Linz. Über 7.000 Kilometer Distanz – wirtschaftlich aber Tür an Tür.
Auch die Handelsbilanz spricht Bände. Österreich exportiert derzeit weniger, importiert aber mehr. Das Ergebnis: ein Defizit von über sieben Milliarden Euro – so hoch wie seit Jahren nicht. Eine negative Handelsbilanz bedeutet, dass wir mehr Waren aus dem Ausland beziehen, als wir ins Ausland verkaufen. Für mich ist das mehr als nur eine statistische Randnotiz. Es zeigt, dass Österreich international etwas an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat.
Der aktuelle World Economic Outlook zeigt gewaltige Wachstumsunterschiede. Die Weltwirtschaft wird angetrieben vor allem von Schwellenländern heuer um 3,2% wachsen. Während der Wirtschaftsmotor in vielen Teilen der Welt brummt, kommt Europa nicht so recht aus der Krise. In den Top-10 der Länder mit den geringsten Wachstumsraten finden sich auch Deutschland mit 0,2 %, Österreich und Finnland mit jeweils 0,3% wider. Mehr als die Hälfte aller Volkswirtschaften mit weniger als 1 % Wachstum stammen aus Europa. Ganz anders das Bild in Asien: Indien wächst mit 6,6 %, Vietnam mit 6,5 %. In Europa gibt es mit Irland auch eine rühmliche Ausnahme. Ausschlaggebend dafür ist die stark präsenten Pharma- und Life-Science-Industrie. Am Wochenende zieht eine Austauschschülerin aus Irland bei unserer Tochter ein. Wir sind schon sehr neugierig. Ich könnte sie ja auch einmal fragen, welche Unterschiede sie zwischen Irland und Österreich sieht, meinen Sie nicht auch?
An der Börse geht es diese Woche einmal kräftig nach unten. Man spürt förmlich, dass die Angst wieder in den Vordergrund rückt. Wir haben auf der einen Seite relativ hohe Bewertungen, in den letzten Monaten eine starke Rallye erlebt – und da denkt sich manch eine:r: „Jetzt auch einmal Gewinne mitnehmen.“ Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die nächsten Wochen entwickeln werden. Ich trinke jetzt erstmals noch einen Espresso.