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Black Week und ein altes MacBook, das Geschichte schrieb
Die Black Week hat wieder viele Menschen in ihren Bann gezogen. In den Schaufenstern und auf den Webseiten blinkt es, die Newsletter vibrieren und überall sieht man Prozentzeichen, die einen „unglaublichen“ Deal anpreisen. Beim Morgen-Espresso wirkt das alles wie ein Ritual, das wir seit Jahren kennen und doch immer wieder anders erleben. Vielleicht, weil wir selbst uns verändern. Vielleicht aber auch, weil unsere Zeit es tut.
Diese Woche habe ich mein MacBook Air nach mehr als fünf Jahren, in denen es mich nahezu täglich begleitet hat, zu Grabe getragen. Ein unscheinbarer Moment, aber einer mit Gewicht. Dieses Gerät war Zeuge vieler Kapitel meines Lebens. Darauf entstanden fünf Bücher, darunter auch mein aktueller Buchband „Börse kannst auch du“. Dreihundertsiebzig Kolumnen in frühen Morgenstunden. Ein Unternehmen wurde gegründet und wieder heruntergefahren. Ein großes Projekt in Deutschland wurde begleitet. Es war mein verlässlicher Partner bei Keynotes und Lehrveranstaltungen. Und in seinem Fotoalbum liegen viele wertvolle Familienmomente, die ich auf genau diesem Laptop sortiert habe.
Wenn ich so zurückblicke, wird mir klar: In all diesen Jahren war kein Tag für sich allein entscheidend. Es war die Summe vieler Tage, an denen ich gearbeitet, geträumt und gelebt habe. Es zählt die Routine und das Durchhalten. Genau wie an den Kapitalmärkten. Während ich auf diesem MacBook brav in die Tasten klopfte, erlebten wir den Corona-Crash. Zinsen schossen nach oben, die Inflation kletterte in Höhen, die wir in meiner Generation so noch nie gesehen hatten. Wir sahen einen Krieg in Europa und Donald Trumps zweites Amtsjahr, das Washington – und irgendwie auch die Welt – zum Beben brachte. Und darüber hinaus die KI-Revolution. ChatGPT, neue Tools, neue Chancen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Aber wer investiert blieb, kann heute beim Blick auf sein Depot vermutlich schmunzeln.
Privat bin ich sowohl als Anwender als auch als Investor ein Apple-Fan. Über globale Fonds bin ich natürlich auch in Apple investiert. Die Aktie konnte in den letzten fünf Jahren rund 150 % zulegen. Es zählt nicht der perfekte Einstieg. Es zählt, investiert zu bleiben. Als Aktionär:in schlüpft man in die Unternehmerrolle. Und dafür braucht es Geduld.
Die Black Week passt gut in dieses Bild. Ursprünglich war sie nur ein einzelner Tag. Der Freitag nach Thanksgiving. Händler wollten damals den Sprung „in the black“ schaffen, also das Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen abschließen. Die Kassen waren noch analog, die Buchhaltung auch, und man sprach ganz selbstverständlich davon, dass ein gutes Jahr in schwarzen Zahlen endet und ein schlechtes in roten. Was als Idee amerikanischer Einzelhändler begann, wurde über die Jahrzehnte zu einem globalen Ritual. Erst standen die Menschen am frühen Morgen in langen Schlangen vor den Läden. Dann wanderten viele Käuferinnen und Käufer ins Internet. Die Black Week ist zu einem weltweiten Ereignis gereift, das sich jedes Jahr ein Stück weiter vom Ursprung entfernt und zugleich tiefer in unseren Alltag schiebt.
Interessant ist, wie stark sich der Charakter verändert hat. Früher jagte man Fernseher, Laptops, Spielkonsolen. Heute kaufen viele Menschen vor allem Alltagsprodukte: Hundefutter, Waschmittel, Spülmaschinentabs. Dinge, die wir ohnehin brauchen, nur eben billiger. In den USA nutzen heuer zahlreiche Haushalte die Rabatte, um Vorräte anzulegen, nicht um sich Luxus zu gönnen. Das Umfeld ist rau. Hohe Preise, steigende Unsicherheit am Arbeitsmarkt und eine Stimmung, die laut Universitätsumfragen so schlecht ist wie seit 2009 nicht mehr. Die großen Umsatzzahlen der Händler erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere zeigt, wie angespannt so manches Haushaltsbudget ist und wie vorsichtig viele Menschen planen.
Und mittendrin eine Zahl aus Österreich, die mich beschäftigt: Von 100 Euro, die wir für Lebensmittel ausgeben, kommen nur vier Euro tatsächlich bei den Bauern an. Neun Euro gehen an den Fiskus. Der Rest an Handel, Gastronomie und ins Ausland. Österreicher:innen geben nur 12 % des Haushaltsbudgets für Lebensmittel aus – einer der niedrigsten Werte in Europa. Die Krise hat uns gezeigt, wie wertvoll ein lokales Angebot sein kann. Es wird Zeit, am Wochenende wieder einmal auf unserem Bauernmarkt vorbeizuschauen, meinen Sie nicht auch?
All das zeigt: Wir leben in einer Zeit, in der sich Märkte, Konsum und Stimmungen rasch verschieben. Ein einzelner Tag, sei es im Privatleben, beim Einkauf oder an der Börse, sagt wenig aus. Entscheidend ist das Muster. Die Strategie. Das Durchhaltevermögen. Mein altes MacBook hat das über Jahre vorgemacht. Verlässlich. Ohne Drama. Nur mit Konstanz. Und das Ergebnis kann sich sowohl auf meiner Festplatte als auch am Börsenparkett durchaus sehen lassen. Ich bin schon sehr gespannt, welche Geschichten auf meinem neuen MacBook in den nächsten Jahren geschrieben werden.