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Siedler, Würfelglück und die Kunst des Loslassens
Diese Woche ist für mich irgendwie eine Woche des Loslassens. Meine Frau und ich hatten das Vergnügen, wieder einmal einen meiner ältesten Jugendfreunde mit seiner Frau zu treffen. Unsere Kinder sind mittlerweile nicht mehr dabei, der Loslassprozess ist schon weit fortgeschritten. Insofern stand für uns vier ein Spieleabend wie in alten Zeiten auf der Agenda. Siedler ist ein Spiel, das meinen Freund und mich schon immer fasziniert hat. Jeder startet bei Null und am Ende des Spiels zeigt sich, wer am erfolgreichsten seine Strategie und Ressourcen eingesetzt hat. Und natürlich gehört da auch etwas Glück dazu. Und dieser Tage hat ein ständiger Wegbegleiter, der mich über viele Jahre und den einen oder anderen Espresso begleitet hat, den Vorsitz endgültig abgegeben. Warren Buffett ist und bleibt für mich einer der größten Investoren aller Zeiten. Er hat seine Ressourcen strategisch und klug eingesetzt, konsequent seine Strategie über viele Jahrzehnte verfolgt und ein Imperium geschaffen. Wäre das eine Partie Siedler, hätte er das Spiel dominiert und zweifelsohne gewonnen. Und spannend finde ich auch, wie der liebe Warren das Zepter übergeben hat. Den Vorsitz im Verwaltungsrat übernimmt sein ältester Sohn Howard, der mittlerweile auch schon 71 Jahre alt ist und seit über 30 Jahren Mitglied dieses Gremiums ist. Die operative Führung liegt bereits seit Jahresbeginn bei Greg Abel. Buffett selbst begründete den Schritt mit einem Satz: „Father Time always wins.“
Wenn ich so darüber nachdenke, kann man die Welt der Börse auch durchaus mit einer Partie Siedler vergleichen. Manche haben ihre Ressourcen klug eingesetzt, andere hatten einfach nur Würfelpech oder Würfelglück. Und manche verfolgen einfach eine langfristige Strategie und bringen sich damit in eine gute Position. Der Wiener ATX schlägt heuer mit einem Plus von rund 30 % seit Jahresbeginn die großen Leitindizes in Europa und den USA. Wenn man einen Blick auf die Wiener Kurstafel macht, gibt es viel Licht, aber auch viel Schatten. Der Median, also der mittlere Wert der 20 ATX-Titel, liegt bei rund 9 %. Die Hälfte der Werte hat also weniger zugelegt. Ein wichtiger Treiber der außergewöhnlich guten Performance ist der Leiterplattenhersteller AT&S. Das Unternehmen hat seinen Börsenwert heuer mehr als versechsfacht. AT&S ist zu einem gefragten Zulieferer für Künstliche Intelligenz geworden und baut sein Werk in Malaysia für 1,5 bis 2 Milliarden Euro aus, unter anderem für den Chipkonzern AMD. Am anderen Ende der Kurstafel steht Wienerberger mit einem Minus von über 40 %. Die hohen Zinsen bremsen den Wohnungsbau, vor allem in den USA, Kanada und Großbritannien, und im Juli musste der Ziegelhersteller seine Gewinnprognose um rund 100 Millionen Euro senken. Beide Unternehmen begleiten mich seit vielen Jahren, und ich bin davon überzeugt, dass beide gute Arbeit leisten. Das Umfeld und die Rahmenbedingungen haben sich aber unterschiedlich entwickelt.
Wie viele Ressourcen manche Spieler am Tisch einsetzen, zeigt derzeit OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT. Den Börsengang hat OpenAI bekanntlich auf 2027 verschoben. Um konkurrenzfähig zu bleiben, muss bis dahin aber viel investiert werden. Laut internen Planzahlen wird das Unternehmen allein zwischen 2026 und 2030 in Summe um 278 Milliarden Dollar mehr ausgeben, als es einnimmt. Wenn alles aufgeht, soll sich der Umsatz im selben Zeitraum von 36 auf 350 Milliarden Dollar nahezu verzehnfachen. Kein Wunder, dass da manch eine Investorin oder manch ein Investor bereits Dollar-Zeichen in den Augen hat. Die angestrebte Bewertung liegt bei über 1,2 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Das ist ungefähr das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung Österreichs und mehr als elfmal so viel, wie alle 20 ATX-Unternehmen zusammen an der Börse wert sind. Mit dem angestrebten Börsenwert von OpenAI könnte man AT&S rund 130-mal kaufen, Wienerberger sogar mehr als 500-mal. Für viele Unternehmer:innen ist das eine vertraute Lektion im Großformat. Umsatzwachstum und Cashflow sind zwei verschiedene Kennzahlen. OpenAI kann den Fehlbetrag mit dem Geld von Investoren überbrücken, ein Mittelständler muss sein Wachstum aus dem eigenen Cashflow oder über Kredite finanzieren.
Loslassen heißt es diese Woche auch für mich. Meine dritte Studie der Reihe „30 Investmentstrategien aus 30+ Jahren“ ist fertig, diesmal zum KENFO, dem deutschen Fonds zur Finanzierung der Atommüll-Entsorgung. Wie bei Siedler gab es genau eine Startaufstellung: 2017 bekam der Fonds einmalig 24,15 Milliarden Euro. Damit ging die Verantwortung für die Zwischen- und Endlagerung auf den deutschen Bund über. Wie viel das kosten wird, ist ungewiss. Fix ist nur, dass der Fonds auf viele Jahrzehnte ausgerichtet sein muss und vor der Herausforderung steht, nicht genau zu wissen, wann er wie viel zu bezahlen hat. Seit 2019 liegt die Performance bei 5,9 % pro Jahr und damit deutlich über der Zielrendite von knapp 4 %.
Auch vom Sommer müssen wir uns loslösen. Die Urlaubszeit ist zwar vorbei, aber ein beliebtes Urlaubsland feiert gerade ein beeindruckendes Börsen-Comeback. Seit dieser Woche stuft der Indexanbieter FTSE Russell Griechenland wieder als entwickelten Kapitalmarkt ein. Und damit wird auch offensichtlich, dass viele ökonomische Probleme gut bewältigt worden sind. Zur Erinnerung: Vor gut einem Jahrzehnt beherrschte Griechenland die Schlagzeilen, und vielerorts wurde hitzig darüber diskutiert, ob das Land überhaupt im Euro bleiben kann. Auch die Ratingagenturen honorieren die Entwicklung. Scope hat Griechenland vergangene Woche von BBB auf BBB+ angehoben, die beste Bonitätsnote seit der Staatsschuldenkrise. Die Athener Börse liegt seit Jahresbeginn rund 25 % im Plus und hat sich in vier Jahren mehr als verdreifacht. Bemerkenswert ist auch der Blick auf den Anleihemarkt: Für zehnjährige Staatsanleihen zahlt Griechenland mit 4,2 % weniger Zinsen als Italien mit 4,3 % oder Frankreich mit 4,5 %, obwohl Frankreich selbst nach seiner Herabstufung durch Scope in derselben Woche mit A+ noch deutlich besser bewertet ist. Manchmal fängt man eben noch einmal von vorne an und spielt sich zurück an den Tisch der Großen.
Sie werden sich vielleicht auch fragen, wie erfolgreich ich den Spieleabend gestaltet habe. Ich will nicht zu viel verraten, kann Ihnen aber eines versichern: Es war eine steile Lernkurve mit einigen Höhen, aber auch vielen Tiefen. Auf den lieben Warren oder Griechenland fehlt mir noch einiges, ich bin eher auf dem Niveau von OpenAI. Ob sich unser Ressourceneinsatz auch wirklich in Erfolg ummünzen lässt, wird sich zumindest im Falle von OpenAI wohl erst in Zukunft weisen.