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Ein Espresso-Prompt und die Frage nach dem Wert von ChatGPT
Diese Woche war ich wieder viel unterwegs. Nach einer Keynote in einem Kino stand ich mit einer Finanzberaterin an der Espresso-Maschine. Wir haben über unsere gemeinsame Leidenschaft gesprochen. Und über die Frage, die sich früher oder später jeder stellt: Wie viele Espressi pro Tag sind eigentlich gesund und unbedenklich? Vor ein paar Jahrzehnten hätten wir dafür einen Arzt gefragt oder in Fachbüchern recherchiert. Noch vor ein paar Jahren wäre es eine klassische Google-Abfrage gewesen. Heute ist selbst das schon überholt. Die Finanzberaterin zückte ihr Mobiltelefon, gab einen kurzen Prompt bei ChatGPT ein, und schon wenige Sekunden später lag die Antwort am Tisch. Zugegebenermaßen unüberprüft, aber erstaunlich überzeugend.
ChatGPT ist längst Teil unseres Alltags geworden. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass sich OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, auf einen Börsengang vorbereitet. Bereits 2026 könnte es so weit sein. Spannend ist dabei vor allem, wie schnell sich der Wind im KI-Bereich dreht. Noch vor wenigen Monaten galt ChatGPT als unangefochtener Marktführer. Inzwischen ist der Wettbewerb deutlich intensiver geworden. Mit Gemini von Google oder den neuen Ansätzen von Anthropic drängen starke Player in den Markt. Technologien, die noch vor kurzer Zeit als überlegen galten, werden zunehmend als vergleichbar wahrgenommen.
Und genau hier wird es aus Investorensicht interessant. Denn damit beginnt der eigentliche Burggraben zu bröckeln. Ein Begriff, den Warren Buffett geprägt hat und der beschreibt, wie gut das Geschäftsmodell eines Unternehmens langfristig vor Konkurrenz geschützt ist. Wenn Technologie austauschbarer wird, entscheidet nicht mehr nur Innovation. Es gewinnt das Unternehmen, das es schafft, Nutzer:innen zu binden und das eigene Geschäftsmodell nachhaltig zu skalieren. OpenAI denkt dabei in ganz anderen Dimensionen. Konzernchef Sam Altman hat angekündigt, bis 2030 rund 600 Milliarden Dollar in Rechenkapazitäten investieren zu wollen. Das entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Österreichs. Selbst für die Technologiebranche ist das eine außergewöhnliche Größenordnung.
Gleichzeitig wächst die Nutzerbasis rasant. Rund 900 Millionen Menschen greifen mittlerweile jede Woche auf ChatGPT zu. Die Herausforderung liegt damit nicht mehr nur im Wachstum, sondern vor allem darin, diese Nutzer:innen langfristig zu halten und ihr Nutzungsverhalten zu intensivieren. Genau hier zeichnet sich ein Strategiewechsel ab. Während es in den vergangenen Jahren vor allem darum ging, möglichst viele Menschen für die Technologie zu begeistern, rückt nun ein anderes Ziel in den Vordergrund: ChatGPT soll zu einem echten Produktivitätswerkzeug werden. Und das ist ein entscheidender Unterschied. Denn Reichweite allein ist noch kein Geschäftsmodell. Gleichzeitig wird hinter den Kulissen auch Kritik laut. Ehemalige Mitarbeiter:innen berichten von fehlendem Fokus und einer Vielzahl paralleler Projekte. Ein typisches Phänomen in Phasen extremen Wachstums.
Fakt ist: Das Unternehmen zählt schon heute zu den wertvollsten unserer Zeit. OpenAI hat erst vor Kurzem rund 110 Milliarden Dollar an frischem Kapital aufgenommen. In diesem Umfeld wurde das Unternehmen mit etwa 840 Milliarden Dollar bewertet. Damit bewegt sich OpenAI bereits in einer Liga mit etablierten Schwergewichten wie Eli Lilly, einem der wertvollsten Unternehmen der Welt. Insgesamt gibt es aktuell nur eine Handvoll Konzerne, die die Marke von einer Billion Dollar überschritten haben. Am Börsenparkett wird daher bereits intensiv darüber spekuliert, ob OpenAI noch 2026 den Schritt an die Börse wagt. Das Ziel ist ambitioniert: ein Börsengang mit einer Bewertung von über einer Billion Dollar.
Und genau hier wird es spannend. Denn gleichzeitig rechnet das Unternehmen für 2026 mit einem Verlust von rund 14 Milliarden Dollar. Der anvisierte Ausgabepreis würde in etwa dem 30-fachen des Jahresumsatzes entsprechen. Das ist eine Bewertung, die hohe Erwartungen bereits vorwegnimmt. Die Trauben hängen damit sehr hoch. Vielleicht ist das auch kein schlechter Zeitpunkt für die Eigentümer, Kasse zu machen. Aber wem gehört OpenAI eigentlich? Neben den Mitarbeiter:innen und privaten Investor:innen, die rund 47 % der Anteile halten, ist Microsoft mit etwa 27 % der größte Einzelinvestor.
Diese Woche stand ganz im Zeichen der Notenbanken. Sowohl die EZB, die US-Notenbank Fed als auch die Bank of Japan haben ihre Leitzinsen unverändert belassen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde stellte in Aussicht, dass der Inflationsdruck – nicht zuletzt durch steigende Ölpreise im Zuge geopolitischer Spannungen – wieder zunehmen könnte. An den Finanzmärkten wird mittlerweile mit zwei Zinserhöhungen im Laufe des Jahres gerechnet. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe hat mittlerweile die 3%-Schwelle überschritten und liegt damit auf dem höchsten Stand seit 2011.
Fed-Präsident Jerome Powell verwies ebenfalls auf anhaltende Inflationsrisiken. Solange sich die Teuerung nicht nachhaltig abschwächt, sieht er keinen Spielraum für Zinssenkungen. Die Entscheidung fiel dabei klar aus: 11 von 12 Mitgliedern stimmten für eine Beibehaltung der Zinsen. Die Notenbanker haben damit dem politischen Druck vorerst standgehalten. Doch wie lange noch, bleibt offen. Jerome Powells Amtszeit nähert sich dem Ende, und es würde mich nicht überraschen, wenn der Druck auf eine lockerere Geldpolitik in den kommenden Monaten weiter zunimmt. Denn eines ist klar: Niedrigere Zinsen entlasten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die massiv verschuldeten Staatshaushalte. Für mich stellt sich am Ende aber eine ganz andere Frage: Gönne ich mir noch einen Espresso? Nicht, dass ich mein „optimales“ Tagespensum schon am Vormittag überschreite.