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Versuch zu erklären, wie wir Content-Strategie unterrichten

Heinz Wittenbrink, 18. Oktober 2018
Versuch zu erklären, wie wir Content-Strategie unterrichten

Heinz Wittenbrink, Leiter des Masters „Content-Strategie / Content Strategy“, über Konzept und Strategie der Lehre am Studiengang.

Diese Woche hatten Lea Dvoršak und ich eine Zoom-Session mit Marie-Christine Schindler. Marie-Christine Schindler wird im Studiengang die Lehrveranstaltung zu Organisationskommunikation und PR übernehmen – die wir praxisnäher gestalten, als sie zunächst geplant war. Wir haben ihr erklärt, wie der Unterricht bei uns organisiert ist.

Bei dieser Gelegenheit habe ich – auch dank Marie-Christine Schindlers Genauigkeit – wieder gemerkt, dass wir inzwischen ein ziemlich komplexes System entwickelt haben, das für Menschen, die damit zum ersten Mal in Berührung kommen, schwer zu verstehen ist. Ich versuche, den letzten Stand dieses Systems zu beschreiben, nicht nur, um es Außenstehenden zu erklären, sondern auch, weil uns das hoffentlich dabei hilft, das System zu vereinfachen.

Wir stehen bei unserem Studiengang didaktisch vor drei Herausforderungen:

  1. Unsere Studierenden sind berufstätig und nur zu etwa 40 Prozent der Unterrichtszeit hier in Graz anwesend. Deshalb findet ein großer Teil des Unterrichts online statt. Da die Studierenden den ganzen Tag arbeiten, aber auch aus inhaltlichen Gründen, zu denen ich gleich komme, sind Videokonferenzen und ähnlich synchrone Formate nur für einen Teil des Unterrichts möglich. Sonst müssten die Studierenden mehr oder weniger jeden Abend in der Woche am Bildschirm verbringen. Deshalb findet ein Teil des Unterrichts (alles, was über zwei bis drei Webinare pro Woche hinausgeht) asynchron statt.
  2. Wir gehen davon aus, dass Lernen, damit es nachhaltig ist, soziales Lernen sein muss. Unsere Studierenden tauschen sich miteinander und mit den Lehrenden über das aus, was sie machen, geben sich gegenseitig Feedback, bringen sich zusammen weiter und entwickeln gemeinsam Methoden und einen Stil, um Aufgaben zu lösen. Das unterscheidet akademisches, offenes Lernen von der bloßen individuellen Wissensvermittlung, wie man sie mit Büchern oder Lehrbriefen durchführen könnte. Anders gesagt: Wir versuchen Qualitäten des herkömmlichen guten akademischen Unterrichts, bei dem man sich in kleinen Gruppen untereinander und mit Expertinnen und Experten austauscht, auf die Bedingungen des Online-Lernens zu übertragen.
  3. Wir unterrichten ein Themengebiet, das sich sehr schnell verändert und bei dem es vor allem darauf ankommt, das Lernen selbst und das Umgehen mit ständig neuen Informationen zu erlernen. Dies in Verbindung mit Praxis, denn wir wollen beruflich anwendbares Wissen vermitteln. Dazu brauchen wir ein offenes Format, bei dem nicht die Vermittlung eines festen Wissensbestands im Vordergrund steht. Wo sie erforderlich ist, ist sie ein Mittel zum Zweck, aber nicht der Endzweck.

Aus all diesen Gründen haben wir uns für ein Format entschieden, bei dem wir Präsenzunterricht, synchronen Online-Unterricht in Videokonferenzen und asynchrones Lernen auf einer Community-Plattform miteinander verbinden. Die Präsenzlehrveranstaltungen finden bei uns in Graz statt – möglichst in Räumen, die nicht zu sehr dem klassischen Setting von Schulräumen entsprechen und Interaktion und Dialog fördern. Für die synchronen Online-Veranstaltungen verwenden wir Zoom, das nicht nur technisch die Anforderungen, die wir haben, gut erfüllt, sondern auch die Interaktion im Unterricht erleichtert. Für den asynchronen Teil benutzen wir Slack, wobei wir zu jeder Lehrveranstaltung einen eigenen Channel haben. Zusätzlich haben wir einen Gruppenaccount für Zotero, in dem wir bibliographische Informationen sammeln. Die Lehrinhalte werden intern bei Zotero dokumentiert, extern, soweit es möglich ist, in unserem Blog und auch in den Portfolios sowie den Masterarbeiten der Studierenden.

Die einzelnen Lehrveranstaltungen sind bei uns nicht in klassische Unterrichtseinheiten von 45, 90 oder mehr Minuten eingeteilt, sondern in Tasks, denen jeweils ein bestimmter Teil des Workloads der Studierenden entspricht. Eine Veranstaltung, bei der der Workload der Studierenden zum Beispiel 50 Stunden ausmacht – das sind im europäischen System zwei ECTS-Punkte – kann aus einer oder zwei solcher Tasks bestehen. Jeder dieser Tasks sollte ein Ergebnis haben, das die Gruppe gemeinsam erreicht. Dieses Ergebnis kann praktischer Natur sein, es kann aber auch in der reflektierten und weiterführenden Dokumentation des Gelernten bestehen. Die Präsenzstunden, der asynchrone Unterricht und die synchronen Online-Veranstaltungen dienen dazu, diese Tasks durchzuführen. Die Lehrenden unterstützen die Studierenden beim Erledigen der Tasks und vermitteln ihnen dabei theoretisches wie praktisches Wissen.

Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie viele und welche Teile einer Lehrveranstaltung im Präsenzunterricht, in Webinaren oder in asynchronen Online-Aktivitäten durchgeführt werden. Dafür spielt eine Rolle, wann die Lehrenden Zeit haben, ob sie nach Graz kommen können oder nicht und welche Kollisionen es mit anderen Teilen des Curriculums gibt. Wir planen den kompletten Unterricht, also die einzelnen Tasks einer Lehrveranstaltung, mit Trello-Karten, die so etwas wie das Drehbuch für die Tasks enthalten. Zu diesem Drehbuch gehören die Termine für Präsenzveranstaltungen und für Seminare. Die asynchronen Teile des Unterrichts, bei denen die Studierenden auf Slack miteinander und mit den Lehrenden kommunizieren, ordnen wir sogenannten E-tivities zu, für die es jeweils eine gemeinsame Aufgabenstellung gibt. Sie kann darin bestehen, sich Literatur anzueignen, sie kann auch im Erstellen von Referaten oder Präsentationen bestehen oder darin, bestimmte Recherchen durchzuführen. Alle Teile des Unterrichts zusammen, also Präsenzunterricht, Webinare und E-tivities, folgen einem Aufbau, wie ihn Gilly Salmon beschrieben hat. Wir beginnen mit einer Sozialisierungsphase, bei der sich die Anwesenden kennenlernen, also, wenn die Gruppe bereits besteht, in der Regel die Studierenden und Lehrenden miteinander bekannt werden. Darauf folgt eine Phase des Wissensaustauschs, bei der man sich zum Beispiel wichtige Literatur und Grundwissen zum jeweiligen Thema aneignet. Aus diesem Informationsaustausch ergibt sich dann eine Phase der Wissenskonstruktion, Englisch: knowledge construction, bei der man gemeinsam reflektiert, was die wichtigsten Inhalte des gerade behandelten Themas sind. Auf diese soll am Ende einer Phase der kreativen Weiterentwicklung und Anwendung folgen – man könnte auch sagen: eine Phase des Transfers des Gelernten. Sie sollte mit der Dokumentation des Ganzen oder einem praktischen Ergebnis enden.

Von den Lehrenden erwarten wir zu Beginn, dass sie in einem Syllabus festlegen, was das Lernziel einer Veranstaltung bildet, also welche Kompetenzen die Studierenden erwerben. Außerdem sollten die Lehrenden in den genannten Trello-Karten das Drehbuch der einzelnen Aufgaben fixieren. Die Studierenden sollten am Ende der Lehrveranstaltung evaluieren können, ob das Ziel erreicht wurde. Es ist klar, dass in vielen Fällen das Drehbuch den besonderen Bedingungen des Unterrichtsfortgangs angepasst wird. Es ist also nichts in Stein gemeißelt.

Wir sind zu diesem Modell, das uns jetzt selbstverständlich vorkommt, in verschiedenen Trial-&-Error-Phasen (und mit viel Unterstützung von Jutta Pauschenwein) gelangt, und wir sind mit dieser Entwicklung noch nicht fertig. Wir versuchen, den Unterricht damit einerseits so planbar zu machen, wie es vor allem für berufstätige Studierende erforderlich ist, und andererseits so offen zu halten, dass wir dem sich ständig verändernden Gegenstand der Content-Strategie möglichst gut entsprechen können. Wir hoffen, dass wir den Unterricht in der Zukunft noch weiter öffnen können, sodass wir immer mehr Wissen mit Interessierten außerhalb des Kreises der Studierenden und Lehrenden austauschen können.

Erstpublikation

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