LinkedIn | Börse kannst auch du
Ein goldener Herbst, hohe Erwartungen und ein Ponzi in Istanbul
Der Herbst ist für mich eine schöne Jahreszeit. Es wird schon spürbar kälter, und wenn ich morgens bei meinem ersten Espresso die wichtigsten Börsennachrichten checke, ist es draußen noch stockdunkel. Oft spricht man vom goldenen Herbst. Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, woher das überhaupt kommt? Herbst und das englische harvest haben dieselbe germanische Wurzel, und beide bedeuteten ursprünglich die Zeit der Ernte. Für mich steht das Gold für die eingebrachte Ernte, die uns vor dem Winter absichert. Aber das ist noch nicht alles. Bevor die Blätter fallen, holen die Bäume wertvolle Nährstoffe aus ihnen zurück, und sichtbar bleiben die gelben und roten Farben. Und das wiederum kann man perfekt auf die Börse und den Kapitalmarkt ummünzen. Der Herbst erinnert daran, dass Erträge nie zufällig entstehen. Sie sind das Ergebnis von Aussaat, Pflege und dem Aushalten ganzer Zyklen. Wichtig ist es vor allem, investiert zu sein. Wenn man nur an der Seitenlinie steht, wird es schwierig, eine Ernte einzufahren.
An der Börse in Istanbul ging es im September heiß her. Es ist Erntezeit, aber definitiv nicht für jeden. Ein Börsenskandal erschüttert das Vertrauen, die Finanzmarktaufsicht hat 131 Investmentfonds liquidiert, und binnen rund zwei Wochen wurden 45 Personen festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs, Geldwäsche und Marktmanipulation. Die Zeche zahlen rund 455.000 Kleinanleger, in den 131 Fonds steckten umgerechnet rund 18 Mrd. US-Dollar. Und das ist bitter.
Damit stellt sich die Frage, wie das Ganze überhaupt zustande gekommen ist und worin die betroffenen Fonds investiert haben. Ein beträchtlicher Teil der Gelder floss in Aktien kleiner Unternehmen, die an der Börse kaum gehandelt werden. Dort genügen wenige Käufe, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Die Fonds kauften, die Kurse stiegen, und die Kursgewinne wurden als Rendite ausgewiesen. Das lockte neues Geld an, und damit wurden wieder dieselben Aktien gekauft. Ein Fonds der Gesellschaft Tera kam so in drei Jahren auf ein Plus von 60.000 %. Aus 10.000 Euro wären rund 6 Millionen Euro geworden. Der Preis entstand vor allem durch die Nachfrage der Fonds selbst, und am Ende des Tages war klar, dass er in der Realität keinen Bestand hat. Als das Pendel von der Käufer- auf die Verkäuferseite umschlug, ging es in ebenso rasantem Tempo wieder nach unten. Bei mir werden da unweigerlich Erinnerungen an den Hype rund um den Neuen Markt in Deutschland in den späten und wilden 1990ern wach.
Die Ermittler prüfen auch den Verdacht auf ein Ponzi-System, bei dem neues Geld die Versprechen an die bisherigen Anleger bezahlt. Der Name geht auf Charles Ponzi zurück, der 1919 in Boston 50 % Rendite in 45 Tagen versprach und damit rund 10 Mio. Dollar einsammelte. Solange er immer wieder neue Investorinnen und Investoren fand, lief das System. Aber eines Tages war auch für Charles Ponzi und seine Kundschaft Zahltag. Und aus dem Traum einer unglaublich lukrativen Ernte wurde ein karger Winter. Für mich ist klar, dass sich solche Systeme wiederholen werden. Der Traum vom schnellen Reichtum hat schon so manchen zu unüberlegten Entscheidungen verleitet. Ein Grundsatz hat aber Bestand und hat mir persönlich schon wertvolle Dienste erwiesen: Je mehr ich verdienen kann, desto mehr kann ich auch verlieren. Und eine Ernte gibt es nur dort, wo vorher gesät wurde.
Da fühle ich mich persönlich mit einem breiten Aktienportfolio deutlich wohler. Gerade für Menschen mit einem langen Veranlagungshorizont kann das eine wunderbare Saat sein. Auch Erfolgsmodelle wie der norwegische Staatsfonds haben einen Großteil ihres Erfolges diesem Portfoliobaustein zu verdanken. Einer der bekanntesten Indizes ist der MSCI World, der in rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern investiert. Diese Aktien werden im Gegensatz zu den kleinen Unternehmen in der Türkei täglich in großen Mengen gehandelt, kein einzelner Fonds kann dort den Preis bestimmen. Der Marktpreis ist daher ein echter Preis. Zu ihm war schließlich jemand bereit zu kaufen und jemand anderer bereit, seine Anteile abzugeben. Und für mich als Investor ist klar: Wenn ich meine Anteile verkaufen möchte, bekomme ich an jedem Handelstag den aktuellen Marktpreis.
Ganz ohne Klumpenrisiko ist aber auch der MSCI World nicht. Die USA machen darin rund 72 % aus. Würde man die Länder nach ihrer Wirtschaftsleistung gewichten, kämen sie nur auf rund 31 %. Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Ein iPhone bekommt man in nahezu jedem Land der Erde. McDonald’s ist rund um den Globus präsent, der Big-Mac-Index gilt längst als einfacher Maßstab für die Kaufkraft einer Währung. Und Coca-Cola wird in über 200 Ländern verkauft, 84 % der Absatzmenge entfallen auf das Ausland. Die Technologieunternehmen im S&P 500 erwirtschaften mehr als die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb Nordamerikas. Wer US-Aktien kauft, kauft also auch ein gutes Stück Weltwirtschaft mit.
Der zweite Klumpen heißt Technologie. Fast 30 % des Index entfallen auf diesen einen Sektor. Die zehn größten Unternehmen, allesamt aus den USA, bringen zusammen mehr als ein Viertel auf die Waage. Nvidia allein wiegt mit 5,6 % mehr als ganz Großbritannien und beinahe so viel wie Japan. Klar ist aber auch: Gerade in diesen Branchen herrscht Goldgräberstimmung, und der KI-Trend hat Milliardengewinne gebracht.
Auffällig klein ist dagegen der Anteil Europas. Großbritannien und Frankreich, die beiden größten europäischen Märkte im Index, kommen zusammen auf knapp 6 %. Deutschland liegt in vergleichbaren Weltindizes bei knapp 2 %. Und auch beim Wachstum hinkt Europa hinterher. Der Internationale Währungsfonds erwartet für heuer ein Plus von 2,3 % in den USA, 4,6 % in China und 6,4 % in Indien. Der Euroraum kommt auf 0,9 %, Deutschland auf 0,7 %. Für Österreich rechnet die Oesterreichische Nationalbank mit 0,5 %. Einen Lichtblick gibt es: 2027 soll Österreich mit 1,3 % sogar schneller wachsen als Deutschland. Hausgemacht ist dieses Wachstum allerdings kaum, von einer brummenden Konjunktur im eigenen Land ist wenig zu spüren. Getragen wird es vor allem von der Nachfrage aus dem Ausland und in Deutschland von hohen Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Dort halten sich die privaten Haushalte zurück, und die Unternehmen investieren kaum. Mit der Aussaat wird es schwierig, im nächsten Herbst auf eine ertragreiche Ernte zu hoffen.
Die Goldgräberstimmung zeigt sich auch bei den geplanten Börsengängen. Das KI-Unternehmen Anthropic bereitet seinen Gang aufs Parkett vor, und laut Reuters und Financial Times sind bereits Teile des Börsenprospekts bekannt geworden. Die Zukunft erscheint rosig, auch wenn sich das in der Gegenwart noch nicht in harten Zahlen widerspiegelt. Im Jahr 2025 erwirtschaftete Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, einen Umsatz von knapp 4,6 Mrd. Dollar. Operativ stand ein Verlust von 8,1 Mrd. Dollar zu Buche. Und darüber hinaus ist in den nächsten Jahren mit Milliardeninvestitionen zu rechnen. Wer bei künstlicher Intelligenz auf dem neuesten Stand bleiben will, muss laufend in Rechenleistung, Chips und die besten Köpfe investieren. Zugesagt sind Ausgaben von 518 Mrd. Dollar, in der Kasse liegen gut 20 Mrd. Die Verpflichtungen übersteigen die vorhandenen Mittel damit um das rund 26-Fache. Die Investoren sehen in dieser Aussaat aber bereits den goldenen Herbst und sind bereit, dafür viel zu zahlen. Im Gespräch ist eine Bewertung von über 2 Billionen Dollar. Wenn das zutrifft, muss man mehr als das 400-Fache des Umsatzes von 2025 bezahlen, um sich einen Platz in der KI-Sonne zu sichern. Die Saat ist ausgestreut. Ob die Investoren hier tatsächlich einen goldenen Herbst erleben werden, wage ich nicht zu prognostizieren.