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Ein Rucksack mit 46.811 Euro und die Frage nach der Geldschatulle
Im Oktober ist es wieder so weit. Dieser Tage sitze ich über dem Quartalsbericht für einen institutionellen Kunden. Und Sie werden es kaum glauben, aber mein Espresso-Konsum geht dabei noch einmal in die Höhe. Vermutlich gibt es wohl nichts Entspannteres, als mit dem Espresso in der Hand über den Zahlen des dritten Quartals zu brüten. Es gilt, das Erlebte Revue passieren zu lassen und sich, wenn nötig, neu auszurichten. Und es geht auch darum, sich mit möglichen Risiken auseinanderzusetzen.
Frankreich zahlt für zehnjährige Staatsanleihen 4,9 % und damit mehr als Italien mit 4,6 % oder auch Griechenland mit 4,5 %. Deutschland mit 3,5 % und Österreich mit 3,7 % liegen da noch vergleichsweise gut im Rennen. Aber auch hier gilt: Es wird teuer. Für 2027 liegt in Frankreich ein Sparpaket über 54 Mrd. Euro auf dem Tisch, gleichzeitig steigen die Zinsausgaben um gut 11 Mrd. Euro. Hier merkt man einmal, wie teuer steigende Zinsen für Kreditnehmer werden können. Wenn ein Fünftel der geplanten Einsparungen nur dafür herhalten muss, ist das schon einmal eine Ansage.
Die Sorgen um Frankreich belasten auch den Euro. Aber das ist nicht für alle schlecht. Wer sein Geld in amerikanische Aktien investiert hat, profitiert heuer doppelt. Der S&P 500 liegt in Dollar 14,4 % im Plus, in Euro und damit für uns als Euro-Investor:innen sind es 19,3 %. Im Vorjahr war es umgekehrt: Aus 16,4 % in Dollar wurden in Euro 2,9 %. Hier sieht man wieder einmal, wie stark auch der Wechselkurs die Performance beeinflussen kann.
Irgendwie stellt sich vermutlich auch die Frage, wie es um Österreich bestellt ist. Um das zu beantworten, möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, ein paar Zahlen zum Espresso servieren. Die Inflation lag im September bei 3,6 %, das Budget-Defizit wird heuer bei 4,1 % liegen und die Arbeitslosenquote beträgt 7,1 %. Auch in Österreich sind die Schulden im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. Die Staatsschulden machen mittlerweile 46.811 Euro pro Kopf und Nase aus. Damit liegen wir nur knapp hinter Frankreich auf Platz 4 im EU-Ranking. Zum Vergleich: Im häufig kritisierten Deutschland liegt die Pro-Kopf-Verschuldung um rund 12.000 Euro niedriger. Mit einem Fingerzeig auf das „schwache“ Frankreich wäre ich also sehr vorsichtig.
Machen wir noch einen Blick über den großen Ozean. Die Arbeitsmarktzahlen waren in den USA überraschend schwach. Entgegen den Erwartungen wurden deutlich weniger neue Jobs geschaffen. Und das wiederum sorgt dafür, dass weitere Zinserhöhungen unwahrscheinlicher werden. Grund genug für den S&P 500, auf ein neues Rekordniveau zu klettern. Das schaut unbestritten gut aus, aber auf den zweiten Blick sieht die Welt doch ein bisschen anders aus. Im 3. Quartal hat der S&P 500 um 2 % zugelegt. Angetrieben wurde die Kursrallye aber von den größten Unternehmen. Im Gegensatz dazu mussten kleinere und mittelgroße Unternehmen deutliche Federn lassen. Spannend finde ich auch, dass sieben von elf Sektoren das 3. Quartal negativ abgeschlossen haben. Die großen Unternehmen haben abgeliefert. Die breite Front schafft es aber nicht mehr, in diesem Sog mitzuschwimmen, sondern hechelt nur mehr keuchend hinterher.
Es wird wohl nicht mehr ewig lange dauern, bis die großen KI-Unternehmen auch an der Börse zu kaufen sein werden. Dazu wird man aber wohl tief in die Tasche greifen müssen. OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, wird in einer Finanzierungsrunde mit 1,4 Billionen Dollar bewertet, im März waren es 852 Mrd. Und auch Anthropic mit dem Flaggschiffprodukt Claude wird wohl beim Börsengang mit weit über einer Billion Dollar bewertet werden. Mal schauen, ob die Gewinne dann auch wirklich in jene lichten Höhen steigen werden, die manch ein:e Investor:in mit Dollarzeichen in den Augen bereits fest im Blick hat.
Dazu möchte ich Ihnen eine Studie der Universität Yale nicht vorenthalten. Viele junge Unternehmen bezahlen ihre Mitarbeiter:innen mit Aktien, die es erst beim Börsengang gibt. Das Gute daran: Bis dahin taucht das in keiner Kostenrechnung auf. Die Rechnung kommt aber trotzdem, und zwar pünktlich zum Börsengang. Von 91 untersuchten Unternehmen haben 60 genau das gemacht, im Schnitt ging es um stolze 358 Mio. Dollar an „offenen“ Personalkosten. Und jetzt wird es für uns Investorinnen und Investoren interessant: Waren es mehr als 107 Mio. Dollar, ging es mit dem Kurs nach den ersten Quartalszahlen in 83 % der Fälle einmal bergab. Vielleicht sollten wir uns einmal anschauen, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den heißen IPO-Kandidaten bezahlt werden, bevor wir die Geldschatulle öffnen.